Schubert - Chronik 

 

1797       31. Januar, Franz Peter Schubert geboren in der Wiener Vorstadt Lichtental als Sohn von Franz Theodor Schubert und Elisabeth Schubert geb. Vietz.

              Die Verhältnisse an einer Wiener Vorstadtschule
Nach Vater Schuberts offizieller Einstellung als Schullehrer am Himmelpfortgrund 1786 war die Familie finanziell abgesichert. Sie konnte im Schulhaus eine Wohnung mit Zimmer, Rauchkuchl und einem Anteil des Dachbodens beziehen und in diesen Räumen nun als Familie allein leben. Der Schulbesuch war in jener Zeit straff organisiert und das zu entrichtende Schulgeld, von dem die Lehrer leben mußten, kam in erster Linie von wohlhabenderen Eltern. Die Kinder mittelloser Eltern konnten umsonst am Schulbesuch teilnehmen. Bei allen Kindern wurde strengstens darauf geachtet, daß sie regelmäßig und pünktlich erschienen, und das Nichtbefolgen dieser Auflagen wurde streng geahndet. Durch kriegsbedingte steuerliche Einbußen dürfte es während der „Franzosenzeit“ 1808 um die finan-ziellen Verhältnisse der Familie etwas knapper bestellt gewesen sein, und so war es durchaus willkommen, einen der Söhne im k. k. Stadtkonvikt versorgt zu wissen.

1801       Die Familie übersiedelt von Schuberts Geburtshaus „Zum roten Krebsen“ in der Vorstadt Himmelpfortgrund Nr. 72 (heute: Nußdorferstraße 54) in das Haus „Zum schwarzen Rößl“ Himmelpfortgrund Nr. 10 (heute: Säulengasse 3).

              Die ersten Berichte über Schuberts Kindheit (1823 und 1829)
„Franz Schubert ist der Sohn eines in Wien um das Schulfach sehr verdienten geachteten u biedern Mannes, u. am Himmelpfortgrunde in der Rossau geboren – Als Knabe entwickelte er schon die bedeutendsten Anlagen, u. sein besondern Talent u. Eifer für den Gesang, in welchem er spielend Fortschritte machte, verschaffte ihm das Glük, einen Stiftungsplatz als Hofsängerknabe im kk. Konvikte zu erhalten – Hier hatte er nun Gelegenheit sein Talent allmählig entwickeln zu können – Unter den Hofsängerknabe[n] zeichnete er sich, zur Freude seines Meisters – dem vielfach verdienten kk Hofkapellsänger und Herrn Korner vor Allen aus – Von der Natur mit einer guten Stimme begabt, war ihm die Fertigkeit [des] Treffens eine leichte Sache –“ Joseph Hüttenbrenner, Entwurf zu einem Artikel über Schubert, 1823 (veröffentlicht 2001) „Sein würdiger Vater, der früh ein Talent zur Musik in dem Kinde bemerkte, unterrichtete ihn selbst auf der Violine. Sein ältester Bruder aber unterrichtete ihn auf dem Fortepiano. Dieser Unterricht wurde in der Folge von dem Regens-Chori an der Pfarrkirche im Lichtenthal, Michael Holzer, fortgesetzt, und mit dem Unterrichte im Gesange verbunden. Diesem alten, würdigen Lehrer, welcher die Freude erlebte, von seinem trefflichen Schüler eine Messe dedicirt zu erhalten, blieb Schubert bis zu seinem Tode dankbar ergeben.“ Joseph von Spaun, Ueber Franz Schubert (Nekrolog), 1829

              Schubert im elterlichen Schulhaus
Schuberts frühe Kindheit war geprägt vom Beruf seines Vaters. Er wuchs nicht nur in engen Wohnverhältnissen auf, wo Familien mit mehreren Kindern sich mit lediglich zwei Wohnräumen zufriedengeben mußten, was für damalige Verhältnisse nichts Ungewöhnliches und kein Zeichen besonderer Armut war, sondern er lernte in früher Jugend bereits den später so ungeliebten Schulbetrieb kennen.

1804       Eignungsprüfung eines Knaben namens „Francesco Schubert“ durch den Hofkapellmeister Antonio Salieri wegen einer eventuellen Ausbildung zum Sängerknaben. Möglicherweise handelt es sich um den späteren Komponisten.

1808       Schubert wird Hofsängerknabe, Schüler des Akademischen Gymnasiums und tritt ins Wiener k. k. Stadtkonvikt ein. Dort begegnet er zahlreichen wichtigen späteren Freunden wie Joseph von Spaun (1788-1865), Albert Stadler (1794-1888), Joseph Kenner (1794-1868), Johann Chrysostomus Senn (1795-1857), Anton Holzapfel (1792-1868) und Benedikt Randhartinger (1802-1893).

              Über Schubert als Sängerknabe
„Eine schöne Stimme, und eine für sein zartes Alter seltene musikalische Bildung verschafften dem jungen Schubert einen Platz als Sängerknabe der k. k. Hof-Capelle, durch welche Eigenschaft er zugleich Zögling des k. k. Convictes in der Stadt wurde. Der Dienst in der Kirche war dem Knaben Genuß; von den trefflich ausgeführten Kirchen-Musiken in der k. k. Hof-Capelle machten gerade jene Compositionen, die sich mehr durch innern Gehalt und religiöse Begeisterung, als durch äußere Ausstattung auszeichneten, den tiefsten Eindruck auf das kindliche Gemüth, das schon die Natur auf die rechte Bahn geleitet hatte.“ Joseph von Spaun, Ueber Franz Schubert (Nekrolog), 1829

1810       Schubert vollendet seine erste datierte Komposition: Fantasie in G (D 1) für Klavier zu vier Händen.

              Schubert als Geiger, Klavierspieler, Dirigent und Komponist erster Instrumentalwerke
„Der damals im kk Konvikte bestandene eigene Musikverein eiferte unsern Tonsetzer auch besonders an, sich auf das Violin- u. Clavierspiel zu verlegen – und bald brachte ers auch dahin daß er als Schüler der ersten lat. Schulen in einem Alter von 12-14 Jahren die 1te Violine im Orchester u darunter juristische Zöglinge bereits zu Männern herangereift dirigirte – Sein Hang zur Composition äusserte sich bald auf eine entschiedene Weise – Mit 14-15 Jahren schrieb er schon Quartetten u Symphonien für unter […] seiner Bothmässigkeit stehenden Mitschüler u Kollegen, welche mit allgemeinem Beyfalle aufgenohmen, u dem jungen Tonsetzer die besondere Liebe aller verschafften –“ Joseph Hüttenbrenner, Entwurf zu einem Artikel über Schubert, 1823 (veröffentlicht 2001)

1811       Unterricht im Generalbaß bei Wenzel Ruzicka. Kompositionsversuche im Bereich Symphonik und Bühnenwerke. Am 30. März entsteht das erste vollständig erhaltene Lied, Hagars Klage (D 5). Schubert hört erstmals Opern im Kärntnertortheater: Joseph Weigls Schweizerfamilie und Das Waisenhaus.

1812       Tod der Mutter. Bis 1817 Kompositions-Unterricht und Kontrapunktstudien bei Antonio Salieri. Durch seinen Stimmwechsel verliert Schubert seinen Platz als Sängerknabe. Komposition von Streichquartetten und Versuche zu kleineren Kirchenwerken.

              Der Unterricht beim Hofkapellmeister Antonio Salieri
„Um diese Zeit nahm ihn auch der 1t kk Hofkapellmeister Salieri auf die Empfehlung Korners in die Schule, welcher in ihm gleich das Genie erkannte, dessen Strahlen sich bald mit hellem Glanze in die weite Kunstwelt verbreiten würden – Nach mehreren Studienjahren in der Schule dieses großen Meisters gieng auch der Schüler bald als Meister des Tonsetzens in allen Fächern hervor – Mit 18 Jahren schrieb Schubert schon eine große Messe in F dur, die bereits in mehreren Kirchen und unlängst in der Augustinerhofkirche aufgeführt die Bewunderung Aller im Hinblick auf die jungen Jahre des Tonsetzers auf sich zog – Das meiste Interesse u: Staunen erregten aber bald die Lieder des jungen Zöglings Salieris, denn in diesem GesangsFache zeigte er sich als ein neues glänzendes Gestirn – ein neuer Schöpfer –“ Joseph Hüttenbrenner, Entwurf zu einem Artikel über Schubert, 1823 (veröffentlicht 2001)

              Der Schüler Schubert bei schmaler Kost und wenig Geld 1812
„Gleich heraus damit, was mir am Herzen liegt, und so komme ich eher zu meinem Zwecke, und Du wirst nicht durch liebe Umschweife lang aufgehalten. Schon lange habe ich über meine Lage nachgedacht und gefunden, daß sie im Ganzen genommen zwar gut sei, aber doch noch hie und da verbessert werden könnte; Du weißt aus Erfahrung, daß man doch manchmal eine Semmel und ein paar Aepfel essen möchte, um so mehr wenn man nach einem mittelmäßigen Mittagsmahle, nach 8 1/2 Stunden erst ein armseliges Nachtmahl erwarten darf. Dieser schon oft sich aufgedrungene Wunsch stellt sich nun immer mehr ein, und ich mußte nolens volens endlich eine Abänderung treffen. Die paar Groschen, die ich vom Vater bekomme, sind in den ersten Tagen beim Teufel, was soll ich dann die übrige Zeit tun?“ Franz Schubert an einen seiner Brüder, 24. November 1812

              Bericht eines Schubert-Freundes über die Zustände im Wiener k. k. Stadtkonvikt 1813
„Ich will Dir jetzt einmal, weil Du nicht schreibst meine Lage, unsere prächtigen Unterhaltungen dieser Weihnachtsferien schildern. Denke Dir nun lieber! einen Kreis der dümsten rohsten Menschen, die nichts als gerne saufen und spielen, ein staubiges fast eckles Zimmer, staubige Stiefel, Trinckgläser, Wichshäfen Hutfuterale, Stiefelhölzer, alte Hosen, lumpige Romanen, Töpfchen, Flaschen, Bürsten, Tisch und Kästen voll, dazu einen Wirthe mit Antipoden zum Präfeckten, der Bullenbeiser von Direcktor, Schönberger pp gar nicht gedacht – und du wirst meine lieblichen Umgebungen kennen.“ „Du kannst dir nicht vorstellen, wie traurig und öde unser Convict gegen jenes in Kremsmünster ist, man kann wahrlich sagen von den lachenden Fluren des Ideenreiches, aus Himmels Mauern auf ein sumpfiges Land entsetzlicher Prosa versetzt zu seyn – entsetzlich beym Eintritt, fürchterlicher bey längerem Darinseyn, da ist kein traulich knüpfendes Band, wie dort, Interesse und Neid blickt aus der kleinsten Handlung – man glaubt anfangs kaum, das Leben hier ertragen zu können.“ Franz von Schlechta an Franz von Schober über das Wiener Stadtkonvikt, 1813

1813       Der Vater heiratet in zweiter Ehe Anna Kleyenböck (1783-1860).
Schubert verläßt das Stadtkonvikt, beginnt eine Lehrerausbildung an der k. k. Normalhauptschule St. Anna, begegnet Theodor Körner kurz vor dessen Abreise aus Wien in die „Freiheitskriege“ und hört Anna Pauline Milder-Hauptmann sowie Johann Michael Vogl in Iphigenie auf Tauris von Gluck.

              Werke:   Erste Symphonie (D 82), Beginn der ersten Fassung der Oper Des Teufels Lustschloß (D 84) nach August von Kotzebue

1814       Abschlußprüfung an der Normalhauptschule, dann Gehilfe an der Schule des Vaters (1814-1816 und 1817-1818). Erste Begegnung mit Johann Mayrhofer (1787-1836). Schubert verliebt sich – unerwidert – in Therese Grob (1798-1875), berichtet darüber 1815 in einem (verlorenen) Brief an Anton Holzapfel (1792-1868), der ihn aber von dieser Neigung abzubringen sucht und sich später erinnert, Therese sei „durchaus keine Schönheit“ aber mit einer schönen Sopranstimme begabt gewesen. Uraufführung der Messe in F (D 105) am 25. September 1814, anläßlich der Hundertjahrfeier zur Errichtung der Lichtenthaler Pfarrkirche und eine Wiederholung am Namenstag des Kaisers, dem 4. Oktober, in der Augustiner Hofkirche. Das Sopransolo sang wahrscheinlich beide Male Therese Grob.

              Werke:   Zweite Fassung der Oper Des Teufels Lustschloß (D 84) nach August von Kotzebue, Gretchen am Spinnrade (D 118), Messe in F-Dur (D 105)

              Die erste Begegnung Schuberts mit Johann Mayrhofer (1787-1836)
„Mein Verhältnis mit Franz Schubert wurde dadurch eingeleitet, daß ihm ein Jugendfreund mein Gedicht Am See […] zur Komposition übergab. An des Freundes Hand betrat 1814 Schubert das Zimmer, welches wir 5 Jahre später gemeinsam bewohnen sollten. Es befindet sich in der Wipplingerstraße. Haus und Zimmer haben die Macht der Zeit gefühlt: die Decke ziemlich gesenkt, das Licht von einem großen, gegenüberstehenden Gebäude beschränkt, ein überspieltes Klavier, eine schmale Bücherstelle; so war der Raum beschaffen, welcher mit den darin zugebrachten Stunden meiner Erinnerung nicht entschwinden wird.“ Johann Mayrhofer über Schubert, Anfang 1829 Schubert verdankt Mayrhofer nicht nur die 47 Lied-Texte und zwei Singspiel-Libretti, die dieser für ihn verfaßte. Mayrhofer ist nach Goethe und Schiller und noch vor Wilhelm Müller der meistvertonte Dichter Schuberts, ihre Freundschaft inspirierte sie gegenseitig. Mayrhofer gab Joseph von Spaun zu verstehen, „er finde sein Leben durch die herrlichen Lieder Schuberts verschönert und seine eigenen Gedichte gefallen ihm erst, wenn sie Schubert in Musik gesetzt habe.“ In seinem Nachlaß fanden sich noch zwei Verse, die Mayrhofers Auffassung der gegenseitigen Befruchtung treffend wiedergeben: „Du bist mir an das Herz gedrungen, Was ich gefühlt, hast Du gesungen.“

              Kommentare zur Produktivität Schuberts in den Jahren 1813 bis 1815
„Allein nicht nur unzählige Lieder, welche alle ohne Ausnahme sich bereits durch originelle Behandlung, Tiefe der Empfindung, und einen unbeschreiblichen Reichthum an Melodie auszeichnen, sondern auch einige größere Compositionen gehören der ersten, so ungemein fruchtbaren Periode Schubert’s an. Eine große, sehr melodische Symphonie componirte er bereits im Jahre 1813, eine vollständige Messe, die von ihm selbst in der Pfarrkirche im Lichtenthal dirigirt wurde, im Jahre 1814, im Jahre 1815 entstanden abermahl zwey Symphonien, und aus derselben Zeit stammen die Operetten, der Spiegelritter, des Teufels Lustschloß und Claudine von Villabella“, so wie manche Cantaten, zu denen er sich gelegenheitlich aufgefordert fand, und Quartette für Streich-Instrumente, in denen er sich nebenher versuchte.“ Joseph von Spaun, Ueber Franz Schubert (Nekrolog), 1829

1815       Wiener Kongreß. Erste Begegnung mit Anselm Hüttenbrenner (1794-1868), Franz von Schober (1796-1882), Joseph Gahy (1793-1864), Joseph Wilhelm Witteczek (1787-1859) und Karl von Enderes (1788-1860). Schubert schreibt etwa hundertfünfzig Lieder, also ein Viertel seines OEuvres auf diesem Gebiet, darunter zahlreiche nach Gedichten von Goethe und Balladen von Schiller sowie auch eine Liedgruppe nach Texten von Ludwig Theobul Kosegarten, einer der ersten umfangreichen Lieder-zyklen, noch vor Beethovens An die ferne Geliebte.

              Werke:   Mehrere kleine Kirchenwerke und Messe in G (D 167), Lieder nach Ossian, Symphonie Nr. 3 in D-Dur, 14 Lieder nach Gedichten von Theodor Körner und Der vierjährige Posten (D 190), Fernando nach Anton Stadler (D 220), Claudine von Villa Bella nach Goethe (D 239), Erlkönig (D 328)

1816       Erfolglose Bewerbung um die Musiklehrerstelle in Laibach (heute: Ljubljana in Slowenien). Zusammenstellung der Liederhefte für Goethe (an diesen mit Begleitbrief Joseph von Spauns gesandt) und für Heinrich Grob, Thereses Bruder. Schubert wohnt mit Spaun bei Heinrich Watteroth in der Vorstadt Landstraße, dort findet die Uraufführung der ersten bezahlten Auftragskomposition statt, der Kantate Prometheus (D 451). Erste überlieferte Tagebuchaufzeichnungen, die sowohl alltägliche Ereignisse als auch Reflexionen festhalten. Aufführung der 2. Symphonie (D 125) durch ein privates Orchester. Schubert wohnt vom Herbst 1816 bis Sommer 1817 bei Franz von Schober. Es entstehen mehr als hundert Lieder.

              Werke:   Symphonie Nr. 4 in c-Moll „Die Tragische“ (D 417), Prometheus-Kantate (D 451, verschollen), Der Wanderer nach Schmidt von Lübeck (D 489)

              Schuberts Tagebuchnotizen über Mozart, Goethe und Schiller
„13. Juny 1816. Ein heller, lichter, schöner Tag wird dieser durch mein ganzes Leben bleiben. Wie von ferne leise hallen mir noch die Zaubertöne von Mozarts Musik. Wie unglaublich kräftig u. wieder so sanft ward’s durch Schlesingers meisterhaftes Spiel ins Herz tief, tief eingedrückt. So bleiben uns diese schönen Abdrücke in der Seele, welche keine Zeit, keine Umstände verwischen, u. wohlthätig auf unser Daseyn wirken. Sie zeigen uns in den Finsternissen dieses Lebens eine lichte, helle, schöne Ferne, worauf wir mit Zuversicht hoffen. O Mozart, unsterblicher Mozart, wie viele, o wie unendlich viele solche wohlthätige Abdrücke eines lichtern bessern Lebens hast du in unsere Seelen geprägt! – Dieses Quintett ist, so zu sagen, ein’s seiner größten kleinern Werke. – Auch ich mußte mich produciren bey dieser Gelegenheit. Ich spielte Variationen von Beethoven, sang Göthe’s rastlose Liebe u. Schillers Amalia. Ungetheilter Beyfall ward jenem, diesem minderer. Obwohl ich selbst meine rastlose Liebe für gelungener halte als Amalia, so kann man doch nicht läugnen, dß Göthe’s mus[ik]alisches Dichter-Genie viel zum Beyfall wirkte.“ Franz Schubert, Tagebuch, Juni 1816.

1816/17   Wilhelm Müller konzipiert die Lied-Novelle Die schöne Müllerin: Aufgrund einer Art Gesellschaftsspiel für die Gäste von Hedwig Staegemann in Berlin schreibt Wilhelm Müller einen Zyklus von 23 Gedichten, der von einem Prolog und Epilog gerahmt ist.

1817       Erste persönliche Begegnung Schuberts mit Johann Michael Vogl. Erste Erwähnung des Komponisten in einem Periodikum (Huldigungsgedicht). Die von Schuberts oberösterreichischem Freundeskreis um Anton von Spaun und Anton Ottenwalt herausgegebenen Beyträge zur Bildung für Jünglinge erscheinen. Schubert ist wahrscheinlich „eines der tätigsten Mitglieder“ der Unsinnsgesellschaft um den Schauspieler Eduard Anschütz und die Kupelwieser-Brüder (bis einschließlich 1818). Bei der Darstellung eines dicken Mannes im Archiv des menschlichen Unsinns mag es sich um eine erste Schubert-Karikatur, aquarelliert von Leopold Kupelwieser, handeln. Bekanntschaft mit Joseph Hüttenbrenner. Es entstehen etwa 60 Lieder.

              Werke:   Der Tod und das Mädchen (D 531), Ganymed (D 544), An die Musik (D 547), Die Forelle (D 550), Klaviersonaten, Arbeitsbeginn an der 6. Symphonie (D 589).

              Eine kongeniale Künstlergemeinschaft: Schubert und sein erster bedeutenderLiedinterpret Johann Michael Vogl
„Bey der ersten Zusammenkunft war Schubert nicht ohne Befangenheit. Er legte zuerst das so eben in Musik gesetzte Gedicht von Maierhofer: „Augen-Lied“, zur Beurtheilung vor. Vogl, aus diesem Liede sogleich Schubert’s Talent erkennend, prüfte mit steigendem Interesse eine Reihe anderer Lieder, die ihm der durch solchen Beyfall höchst erfreute junge Tonsetzer mittheilte. Nach wenigen Wochen schon trug Vogl Schubert’s „Wanderer“, den „Kampf“, „Erlkönig“ und andere einem kleinen, aber entzückten Kreise vor, daß des Sängers Begeisterung das vollgültigste Zeugniß für den Tonsetzer war. […] Vogl öffnete in wohlmeinendem Rathe dem jungen Freunde den reichen Schatz seiner Erfahrungen, sorgte väterlich für die Befriedigung seiner Bedürfnisse, wozu Schubert’s Einkommen in der früheren Zeit nicht hinreichend war, und bahnte ihm durch den herrlichen Vortrag seiner Lieder den Weg zum Ruhme, den er so glänzend erreichte.“ Joseph von Spaun, Ueber Franz Schubert (Nekrolog), 1829

1818       Uraufführung der 6. Symphonie durch das Orchester von Otto Hatwig sowie der beiden Ouvertüren im „Italienischen Stil“. Erlafsee (D 586) erscheint als erstes Lied Schuberts im Druck. Vergebliche Bewerbung um die „ausübende“ Mitgliedschaft in der Gesellschaft der Musikfreunde, dort erst später aufgenommen, später auch Mitglied ihres Repräsentantenkörpers. Umzug der Familie Schubert in die Vorstadt Rossau. Sommer- und Herbst-Aufenthalt im ungarischen Zséliz als Musiklehrer bei der Familie Esterházy. Begegnet dort erstmals der Komtesse Caroline und Carl von Schönstein. Schubert zieht zu Johann Mayrhofer.

              Werke:   Kleine Symphonie in C-Dur (D 589), Einsamkeit (D 620)

              Schubert als Musiklehrer der Komtessen Esterházy in Zséliz
Die Familie des Grafen Johann Carl Esterházy, die des Winters in Wien wohnte, fuhr alljährlich zur Sommerzeit für einige Monate auf ihr ungarisches Landgut mit dem kleinen Schlößchen Zséliz. Mit von der Partie war stets eine ganze Reihe Gesellschafter und Bedienter der Familie. Unter diesen hatte im Jahr 1818 auch ein junger Musiker erstmals Gelegenheit, die Heimatstadt zu verlassen und etwas zu verdienen, allein im Juli bereits 200 Gulden: Schubert konnte sich von der lästigen Fron des Lehrerberufs in der väterlichen Schule lossagen und beantragte einen Paß für den fünfmonatigen Aufenthalt als „Musikmeister bei Joh. Esterhazzy” bei den „Schnauzbartlern”, wie die Ungarn damals bezeichnet wurden. An die Familie des Grafen war Schubert durch den Schriftsteller und Gesangsdilettanten Johann Carl Unger empfohlen worden, und er dürfte in der gräflichen Familie schon in Wien verkehrt und die Jahre hindurch auch weiter recht kontinuierlich die Kontakte gepflegt haben.

1819       Ermordung des Dichters August von Kotzebue durch den Burschenschaftler Karl Ludwig Sand. Daraufhin restriktive Maßnahmen zu einer restaurativen Politik aufgrund der Karlsbader Beschlüsse (Beschlüsse zur Zensur, Verbot burschenschaftlicher Organisationen an Universitäten). Erste Begegnung Schuberts mit Moritz von Schwind sowie vermutlich Joseph Ludwig Streinsberg und Franz von Bruchmann. Gemeinsam mit Vogl Reise nach Steyr, Linz und Kremsmünster. Aufführung der Kantate Prometheus (D 451) in einer „Musikalischen Übung“ bei Ignaz Sonnleithner. Erste öffentliche Darbietung eines Schubert-Liedes, Schäfers Klagelied (D 121), durch Franz Jäger.

              Werke:   Adrast (D 137, Opernfragment nach Mayrhofer), Lieder aus Friedrich Schlegels Gedicht-Zyklus Abendröte (weitere bis 1823), Hymnen nach Texten von Novalis, Sonette nach Petrarca (D 628-630), Forellenquintett (D 667)

              Schuberts Kontakte und Reisen nach Linz
Wegen seiner Freundschaft zu zahlreichen Oberösterreichern, insbesondere den Familien Spaun, Ottenwalt und Kenner, besuchte Schubert mehrfach die Stadt Linz, zuerst 1819 und dann noch einmal 1823 und 1825 gemeinsam mit Johann Michael Vogl. Als Schuberts enger Freund Joseph von Spaun während seines letzten Besuchs von Linz (1825) abwesend war und der Komponist bei Spauns Schwager Ottenwalt wohnen mußte, witzelte er in einem Brief, er sei „gegen das übrige Linztum“ ungerecht, aber die Stadt sei ohne Spaun „wie eine Suppe ohne Salz“.

1820       Verhaftung von Johann Senn in Gegenwart von Bruchmann und Schubert.
Therese Grob heiratet Johann Bergmann. Schubert dirigiert am Ostersonntag Haydns Nelson-Messe in der Altlerchenfelder Kirche. Im Sommer ist Schubert erstmals in Atzenbrugg. Uraufführung des Singspiels „Die Zwillingsbrüder“ (D 647) im Kärntnertortheater und des Melodrams „Die Zauberharfe“ (D 644) im Theater an der Wien.

              Werke:   Lazarus (D 689), Streichquartettsatz in c-Moll (D 703), Der zürnenden Diana (D 707)

              Sommer 1820 – der erste und letzte Versuch mit der Gattung Melodram:
Die Zauberharfe

Zauberspiel mit Musik in 3 Akten von Franz Schubert (D 644). Uraufführung am 19. August 1820 im Theater an der Wien. Wie bei Helmina von Chézys Drama Rosamunde, unter dessen Titel die Ouvertüre zur Zauberharfe heute bekannt ist, treten in dem Melodram neben dem Tenor Palmerin nur Schauspieler und Chor auf. Wie groß der Anteil des gesprochenen Textes war, kann wegen dessen fragmentarischer Überlieferung nicht mehr festgestellt werden, er stammt wohl von Georg von Hofmann, der möglicherweise Ideen aus Schuberts Freundeskreis aufgriff. Als Benefizstück für Ausstatter und Maschinisten konzipiert, lagen in deren Metier die Haupteffekte. Schubert läßt sich hier – ganz auf den Spuren der spezifischen Wiener Variante des französischen „Mélodram“ Ignaz von Seyfrieds – darauf ein, große, gleichsam symphonisch-rhapsodische Orchestersätze zu gestalten, die die mutmaßlich expressivsten Dialoge und Monologe des Zauberspiels musikalisch ausdeuten. Das Werk unterscheidet sich grundlegend von der kurz zuvor im Kärnt-nertortheater gegebenen „Posse mit Gesang“ Die Zwillingsbrüder. Eine Kritik der Theaterzeitung resümiert über die Zauberharfen-Musik: „Viele gute Gedanken, kräftige Stellen, sinnreich geführte harmonische Sätze, Einsicht und Verstand; aber Ungleichheiten die Menge, das Gewöhnliche neben dem Besonderen, Leich-tes und Gesuchtes, Haltbares und Tändelhaftes durch einander, und man kann, trotz dem Besseren, nicht umhin, das Ganze für ein Werk der Eilfertigkeit zu halten, die jedoch hier keinen Tadel verdient, nur wäre dem talentvollen Tonsetzer für die Zukunft ein besserer Stoff und Bedächtlichkeit in vollem Maß zu wünschen.“

              Die Verhaftung von Schuberts Freund Senn
Ab etwa 1818 avancierte Johann Chrysostomus Senn, der Sohn eines Tiroler Freiheitskämpfers, mehr und mehr zum geistigen Zentrum von Schuberts Freundeskreis. Die Philosophie-Pflege dieser Runde galt den idealistischen Denkern, erst Fichte, dann vor allem Schelling, aber auch Hegel. Zu Schelling gibt es eine direkte Verbindung durch Bruchmann, der polizeilichen Verboten zum Trotz nach Erlangen reiste, um Schelling zu hören und ihn dort kennenzulernen. 1820 kam es zu einer Schriften-Visitation in Senns Wohnung. Er hatte sich durch eine burschenschaftliche Wirtshausrunde, der auch sein Zögling Anton Doblhoff-Dier angehörte, der nach der 1848er-Revolution noch Minister werden sollte, verdächtig gemacht. Senn hatte laut Polizeibericht dabei gesagt: „die Regierung sey zu dumm, um in seine Geheimnisse eindringen zu können.“ Schubert und Bruchmann, die dabei waren und mit Insultationen gegen die Polizei nicht sparten, sind dafür gründlich verwarnt worden. Senn allerdings wurde in Untersuchungshaft genommen – und zwar über ein Jahr. Dann wurde er, da ihm nichts Ernstliches nachgewiesen werden konnte – außer daß er „ein Genie“ war, wie in den Polizeiakten vermerkt wurde –, in seine Heimat Tirol abgeschoben, womit seine Karriere-Chancen zerstört waren.

1821       Erste öffentliche Darbietungen des Erlkönig durch August von Gymnich und dann durch Johann Michael Vogl. Publikation der Ballade als op. 1. Schubert übernimmt die Korrepetition und Einstudierung für Caroline Ungers Debut am Kärntnertortheater. Schubert zieht von Mayrhofer fort und wohnt erstmals allein. Im Herbst Aufenthalt in St. Pölten mit Schober, dort erste Schubertiaden, schließlich zieht er auch in Wien zu Schober. Entstehung der Oper Alfonso und Estrella (D 732) nach Schobers Libretto. Spaun zieht nach Linz, Bruchmann studiert gegen polizeiliche Verordnung in Erlangen bei Schelling.

              Werke:   Gesang der Geister über den Wassern (D 714), Suleika I und II (D 720 und 717) Symphonie in E-Dur (D 729, Fragment), Alfonso und Estrella(D 732)

1822       Schubert plant eine „ordentliche Sammlung“ bzw. systematische Herausgabe von Liederheften, schreibt seine allegorische Erzählung Mein Traum und führt die Niederschrift einer Symphonie aus. Erster ausführlicher Bericht über Schuberts Lieder in einer Zeitschrift. Begegnungen mit Carl Maria von Weber und Beethoven sind dokumentiert. Rossini kommt nach Wien. Vogl wird als Hofopernsänger pensioniert. Bruchmann besucht den verbannten Senn in Innsbruck. Schober begründet seine Literaturabende, die „Lesegesellschaft“.

              Werke:   Messe in As-Dur (D 678), Heliopolis I und II (D 753 und D 754), die Kantate Am Geburtstage des Kaisers (D 748), Symphonie in h-Moll („Unvollendete“ D 759), Gott in der Natur (D 757), Wandererfantasie (D 760)

1823       Schubert wohnt mit Joseph Huber an der Stubentorbastei. Erste Erwähnung der Erkrankung an Syphilis, Therapien im Wiener Allgemeinen Krankenhaus und durch Dr. Jakob Bernhard. Trennung von dem Verleger Cappi&Diabelli. Erste Begegnung mit dem Komponisten Franz Lachner. Ehrenmitgliedschaft im Steyermärkischen Musikverein auf Vorschlag von Johann Baptist Jenger und im Linzer Musikverein auf Betreiben seiner oberösterreichischen Freunde. Zweimalige Aufführung der Schauspielmusik zu Rosamunde von Helmina von Chézy im Theater an der Wien. Schober verläßt Wien für fast zwei Jahre und geht unter dem Pseudonym „Torupson“ als Schauspieler nach Breslau. Kupelwieser verreist zur selben Zeit als Begleiter des Russen Alexandr Beresin nach Italien.

              Werke:   Die Verschworenen (D 787), Fierabras (D 796), Die schöne Müllerin (D 795), Gesänge aus Wilhelm Meister op. 62, Lieder nach Johann Gabriel Seidl op. 80, Rosamunde (D 797).

              Schubert und Vogl bei einem Auftritt in Salzburg
„Vogl sang einige Lieder von mir, worauf wir für den folgenden Abend geladen und gebeten wurden, unsere sieben Sachen vor einem auserwählten Kreise zu produciren, die denn auch unter besonderer Begünstigung des schon in meinem ersten Briefe erwähnten Ave Maria’s Allen sehr zu Gemüthe gingen. Die Art und Weise, wie Vogl singt und ich accompagnire, wie wir in einem solchen Augenblick Eins zu sein scheinen, ist diesen Leuten etwas ganz Neues, Unerhörtes.“ Schubert an seinen Bruder Ferdinand am 12. September 1825

              Belege für Selbstzweifel und eine Schaffenskrise in bisher erfolgreichen Gattungen um 1823
„Sie wissen selbst, wie es mit der Aufnahme der spätern Quartetten stand; die Leute haben es genug. Es könnte mir freylich vielleicht gelingen, eine neue Form zu erfinden, doch kann man auf so etwas nicht sicher rechnen. [Sie werden] wohl selbst gestehen müssen, dß ich mit Sicherheit vorwärts gehen muß, u. keineswegs mich der so ehrenvollen Aufforderung unterziehen kann [...].“ Schubert über seine Vokalquartette an Leopold Sonnleithner, Januar 1823 (?) „Da ich fürs ganze Orchester eigentlich nichts besitze, welches ich mit ruhigen Gewissen in die Welt hinaus schicken könnte, und so viele Stücke von großen Meistern vorhanden sind, z. B. von Beethoven: Ouverture aus Prometheus, Egmont, Coriolan etc. etc. etc. so muß ich Sie recht herzlich um Verzeihung bitten, Ihnen bey dieser Gelegenheit – nicht dienen zu können, indem es mir nachtheilig seyn müßte mit etwas Mittelmäßigem aufzutreten.“ Schubert an Joseph Peitl, undatiert (1823?)

              Zeitgenössische Vergleiche mit anderen Größen der Musikgeschichte
Während eine Reihe von besonnenen Freunden wie Mayrhofer, Spaun und Sonnleithner eher zurückhaltend waren mit ihrem Urteil über seine Leistungen, fand Schubert auch eine ganze Reihe von enthusiastischen Apologeten aus dem unmittelbaren Freundeskreis. Franz von Schober etwa schreibt an Joseph von Spaun am 4. November 1821: „Ich hätte nur gewunschen du wärest da gewesen u[nd] hättest die herrlichen Melodien entstehen hören, es ist wunderbar wie reich u[nd] blühend er wieder Gedanken hingegossen hat.“ Und 1823 schwärmt Joseph Hüttenbrenner über Schuberts Leistungen in allen Musikgattungen, weiß eine ganze Reihe von Werken aufzuzählen und wagt den damals kühnen Vergleich mit Mozart und Beethoven. Dann fährt er fort: „Indeß sind dieß noch unbedeutende Leistungen gegen diejenigen Werke welche Schubert bereits geschrieben u[nd] die ungekannt noch im Kasten liegen – Schubert schrieb bereits“ Bevor nun aber ein Werkverzeichnis vorgelegt wird, bricht seine Hymne unversehens ab. Auch Helmina von Chézy bediente sich am 4. Februar 1824 des Vergleichs mit Mozart: „es blüht uns in diesem herrlichen jungen Künstler die Hoffnung zu einem zweyten Mozart; auch ist er hier unendlich geschätzt und beliebt.“

1824       Nach Absage der Einstudierung der Oper Alfonso und Estrella in den vergangenen Jahren löst die Direktion der Hofoper auch das Versprechen einer Aufführung ihrer Auftragswerke Die Verschworenen und Fierabras nicht ein. Fortwährende Krisen im Freundeskreis und in der Lesegesellschaft. Erstaufführung des a-Moll-Streichquartetts (D 804) durch Ignaz Schuppanzigh. Schubert-Lieder erklingen erstmals öffentlich im fremdsprachigen Ausland, in Amsterdam. Im Sommer und Herbst zweiter Aufenthalt in Zséliz. Dort vielleicht nähere Kontakte zu seiner Schülerin Komtesse Caroline Esterházy. Beginn eines kurzen Briefwechsels mit Anna Milder in Berlin, die sich für Schuberts Werke einsetzen soll. Werke: Oktett (D 803), Auflösung (D 807), Streichquartett a-moll (D 804), Streichquartett d-moll „Der Tod und das Mädchen“ (D 810), Grand Duo (D 812), Divertissement à l’hongroise (D818), Arpeggione-Sonate (D 821).

              Schuberts zweites Notizbuch
„Meine Erzeugnisse sind durch den Verstand für Musik und durch meinen Schmerz vorhanden; jene, welche der Schmerz allein erzeugt hat, scheinen am wenigsten die Welt zu erfreuen.“„O Phantasie! du höchstes Kleinod des Menschen, du unerschöpflicher Quell, aus dem sowohl Künstler als Gelehrte trinken! O bleibe noch bey uns, wenn auch von Wenigen nur anerkannt und verehrt, um uns vor jener sogenannten Aufklärung, jenem häßlichen Gerippe ohne Fleisch und Blut, zu bewahren!“ Franz Schubert, Notizbuch März 1824

              „den Weg zur großen Sinfonie bahnen“
Da sich Schubert in einem depressiven, aber doch von großen Plänen zeugenden Brief an Leopold Kupelwieser vom März 1824 auch darüber ausläßt, was er zu dieser Zeit konzipierte und projektierte, sind wir davon unterrichtet, daß er sich erneut der Symphonik zuwenden wollte: „In Liedern habe ich wenig Neues gemacht, dagegen versuchte ich mich in mehreren Instrumental-Sachen, denn ich componirte 2 Quartetten für Violinen, Viola u. Violoncelle u. ein Octett, u. will noch ein Quartetto schreiben, überhaupt will ich mir auf diese Art den Weg zur großen Sinfonie bahnen.“ Und Kupelwieser erfuhr dies zum wiederholten Male aus einem Brief Schwinds acht Wochen später, in dem es konkret heißt, Schubert habe „sich vorgenommen eine Symphonie zu schreiben.“ Unter den Klavierwerken war immerhin ein großdimensioniertes vierhändiges, das wiederum Spekulationen Nahrung bot, ob es sich hier nicht auch um einen Symphonie-Entwurf handle, das sogenannte „Grand Duo” (D 812). Auch wenn diese Klaviersonate ausdrücklich als solche im Autograph bezeichnet ist und zahlreiche Charakteristika aufweist, die sie als unmittelbar für das Klavier konzipiert auszeichnen, legte Joseph Joachim später eine Orchesterbearbeitung davon vor.

              Ideen zu einem Konzert mit reinem Schubert-Programm
Über das spektakuläre Konzert, das Beethoven plante, äußerte sich Schubert gegenüber Kupelwieser in Rom schon im Vorfeld: „Das Neueste in Wien ist, d[a]ß Beethoven ein Concert gi[bt,] in welchem er seine neue Sinfonie, 3 Stücke aus der neuen Messe, u. eine neue Ouverture produciren läßt. – Wenn Gott will, so bin auch ich gesonnen, künftiges Jahr ein ähnliches Concert zu geben.“ Die Idee zu einem eigenen öffentlichen Konzert mit ausschließlich Schubertschen Kompositionen stammte ursprünglich gar nicht von ihm selbst. So wie er durch Leopold Sonnleithner und Joseph Hüttenbrenner dazu gebracht wurde, Liederhefte im Stich herauszugeben, war es hier ein anderer Freund, der die Anregung gab, ein solches Konzert zu veranstalten, Schuberts Arzt Dr. Jakob Bernhard: „Schubert […] ist sehr viel bey Vogel und Leidesdorf. Der verzwickte Doctor geht auch viel mit ihm. Jetzt denkt er (Doctor) auf eine musikalische Academie oder öffentliche Schubertiad. Wenn was zu Stande komt so schreib ich dirs.“ (Moritz von Schwind an Franz von Schober am 22. Dezember 1823) Daß Beethovens Konzert Schubert außerordentlich beeindruckte, liegt auf der Hand, doch gibt es nur aus seinem Freundeskreis schriftliche Reaktionen darüber, insbesondere den bildenden Künstlern Dietrich und Rieder: „Vor kurzem hatten wir einen Hochgenuß, nämlich Beethoven gab eine große mus[ikalische] Akademie, worin er seine letzten Werke aufführen ließ, das ist eine große Ouverture, aus seiner neuen Messe das Kyrie, das Credo und Agnus Dei, dann eine göttliche Symphonie, wovon der Schluß das Lied an die Freude v[on] Schiller, machte; wir haben noch keinen schöneren Abend im Theater verlebt das Haus war voll bis auf die Logen, Beethoven ist mit Enthusiasmus und Jubel empfangen worden, wie ich es noch nie gehört habe, er hat selbst dirigiert, ganz göttlich war es anzusehen wie er mit Ausdruck und Empfindung alles belebte, im Orchester waren die ersten Künstler von Wien die mit ungeheurer Theilnahme und Eifer mitwirckten.“ (Anton Dietrich an Leopold Kupelwieser in Rom, 14. Juni 1824) Und Schuberts Porträtist Wilhelm August Rieder setzte hinzu: „gelt in Rom kann man so was auch nicht haben???“

1825       Beginn wöchentlicher Schubertiaden bei Karl von Enderes und Joseph Wilhelm Witteczek. Persönliche Begegnung und Freundschaft mit Eduard von Bauernfeld, in dessen Tagebuch zahlreiche wichtige Informationen zu Schuberts Leben niedergeschrieben sind. Schubert zieht ins Fruhwirthhaus links neben der Karlskirche. Anna Milder und Carl Adam Bader singen mit außerordentlichem Erfolg Schubert-Lieder in Berlin (Die Forelle, Erlkönig und Suleika). Dort erscheinen erste Raubdrucke der Forelle und in Neapel die Air russe (1827 in Amsterdam und Paris erste Lieder und Klavierwerke). Schubert sendet Goethe das diesem gewidmete Liederheft op. 19. Wilhelm August Rieder porträtiert Schubert. Reise mit Johann Michael Vogl nach Oberösterreich und Salzburg. In Gmunden Arbeit an einer Symphonie (später ausgearbeitet zur „Großen C-Dur-Symphonie“). Begegnung mit Ferdinand Traweger und Anton Ottenwalt. Spaun zieht bis zum April 1826 nach Lemberg, Johann Baptist Jenger (1797-1856) kommt aus Graz nach Wien. Anton Ottenwalt besucht Schubert und die Freunde in Wien.

              Werke:   Lieder nach Gedichten aus Walter Scotts Lady of the Lake, darunter Ave Maria (D 839), Klaviersonaten C-Dur und a-Moll (D 840 und D 845), Das Heimweh und Die Allmacht (D 851 und D 852), erste Arbeiten an der Großen C-Dur-Symphonie (D 944)

              Schubert schildert seine Reiseeindrücke
Die vermutlich längste und weiteste Reise, die Schubert je unternahm, zeitigte eine ganze Reihe von Ergebnissen für Schuberts Persönlichkeit und seine Entwicklung als Komponist. Vielleicht haben wir es nur der „Aufforderung” seines Bruders Ferdinand zu verdanken, daß Schubert sich im September 1825 daran machte, einen langen Brief mit der Schilderung seiner Sommerreise aufzusetzen. Schubert nicht als „Wanderer” im Sinne Schmidt von Lübecks, sondern als Wandernder und genauer Beobachter beschreibt etwa seinen Eindruck der Gebirge um Salzburg: „Die Berge steigen immer mehr in die Höhe, besonders ragt der fabelhafte Untersberg wie zauberhaft aus den übrigen hervor. [...] Die Sonne verdunkelt sich und die schweren Wolken ziehen über die schwarzen Berge wie Nebelgeister dahin; doch berühren sie den Scheitel des Untersberges nicht, sie schleichen an ihm vorüber, als fürchteten sie seinen grauenvollen Inhalt. Das weite Thal, welches mit weiten Schlössern, Kirchen und Bauernhöfen wie angesäet ist wird dem entzückten Auge immer sichtbarer. Thürme und Paläste zeigen sich nach und nach; man fährt endlich an dem Kapuzinerberge vorbei, dessen ungeheure Felswand hart an der Straße senkrecht in die Höhe ragt und fürchterlich auf den Wanderer herabblickt. Der Untersberg mit seinem Gefolge wird riesenhaft, ihre Größe will uns fast erdrücken.“

              Schuberts Gedanken über Frömmigkeit und Andacht in seinen Kompositionen
„Besonders machten meine neuen Lieder, aus Walter Scott’s Fräulein vom See, sehr viel Glück. Auch wunderte man sich sehr über meine Frömmigkeit, die ich in einer Hymne an die heil. Jungfrau augedrückt habe, und, wie es scheint, alle Gemüther ergreift und zur Andacht stimmt. Ich glaube, das kommt daher, weil ich mich zur Andacht nie forcire, und, außer wenn ich von ihr unwillkürlich übermannt werde, nie dergleichen Hymnen oder Gebethe componire, dann ist sie aber auch gewöhnlich die rechte und wahre Andacht.“ Schubert an seinen Vater und die Stiefmutter, 25. Juli 1825

1826       Schubert wohnt mit Moritz von Schwind bei Franz von Schober im Wiener Vorort Währing, dann bei ihm in der Stadt, dann allein auf der Bastei beim Karolinentor. Große Schubertiade bei Joseph von Spaun. Schubert bewirbt sich beim Kaiser vergeblich um die Stellung eines Vize-Hofkapellmeisters am Kärntnertortheater. Erfolglose Bemühungen um Geschäftsabschlüsse mit deutschen Verlegern. Bekanntschaft mit den Linzer Brüdern Fritz (1805-1850) und Franz von Hartmann (1808-1895), die in Wien studieren und in ihren Tagebüchern die Unternehmungen des Schubert-Kreises protokollieren, insbesondere auch die Gegenstände der Lektüre in der „Lese-Gesellschaft“. Auch in Sophie Müllers (1803-1830) Tagebuch finden sich Einträge über Begegnungen mit Schubert.

              Werke:   Deutsche Messe auf die Dichtung von Johann Philipp Neumann (D 872), Streichquartett in G-Dur (D 887), Klaviersonate in G-Dur (D 894), Rondo brillant (D 895), drei Lieder nach Texten von Shakespeare

1827       Beethoven stirbt im März. Wahl zum Mitglied des Repräsentantenkörpers der Gesellschaft der Musikfreunde. Schubert wohnt (bis August 1828) bei Franz von Schober. Im September mit Johann Baptist Jenger erstmals Reise nach Graz zur Familie Karl, Marie und Faust Pachler, dort Wiederbegegnung mit Anselm Hüttenbrenner. Erstaufführung des Oktetts (D 803) und des Klaviertrios in B-Dur (D 898) durch Ignaz Schuppanzigh.

              Werke:   Winterreise nach Gedichten von Wilhelm Müller (D 911), Der Graf von Gleichen nach dem Libretto von Eduard von Bauernfeld, Opernfragment (D 918), Ständchen von Franz Grillparzer (D 920) für Anna Fröhlich und ihre Schülerinnen, vierhändiger Marsch für den achtjährigen Faust Pachler (D 928) Klaviertrio in B-Dur und Es-Dur (D 898 und D 929), Der Hochzeitsbraten (D 930), Impromptus (D 899 und D 935), Fantasie für Klavier und Violine (D 934).

              Zusammenkünfte und Diskussionen mit den Freunden
„Wie oft strichen wir Drei bis gegen Morgen herum, begleiteten uns gegenseitig nach Hause – da man aber nicht im Stande war, sich zu trennen, so wurde nicht selten bei Diesem oder Jenem gemeinschaftlich übernachtet. Mit dem Comfort nahmen wirs [...] nicht sonderlich genau! Freund Moriz warf sich wol gelegentlich, blos in eine lederne Decke gehüllt, auf den nackten Fußboden hin [...]. In der Frage des Eigenthums war die communistische Anschauungsweise vorherrschend; Hüte, Stiefel, Halsbinden, auch Röcke und sonst noch eine gewisse Gattung Kleidungsstücke, wenn sie sich nur beiläufig anpassen ließen, waren Gemeingut, gingen aber nach und nach durch vielfältigen Gebrauch, wodurch immer eine gewisse Vorliebe für den Gegenstand entsteht, in unbestrittenen Privatbesitz über. Wer eben bei Kasse war, zahlte für den oder die Andern.“ Eduard von Bauernfeld, „Einiges von Franz Schubert“, 1869

1828       Letzte Schubertiade in Anwesenheit des Komponisten bei Joseph von Spaun. Die Verleger Probst in Leipzig und Schott in Mainz interessieren sich für Schuberts Werke. Probst überläßt er u. a. das Klaviertrio in Es-Dur (D 929). Am 26. März Schuberts Privat-Konzert, ausschließlich mit seinen Kompositionen. Mit Johann Schickh und Franz Lachner Reise nach Heiligenkreuz. Veröffentlichung der Moments musicaux (D 780). Im September zieht Schubert aus der Inneren Stadt zu seinem Bruder Ferdinand auf die Wieden (heute Kettenbrückengasse). Wanderung nach Eisenstadt. Im November Kontrapunktstudien bei Simon Sechter. Korrektur des Erstdrucks der Winterreise. Schubert stirbt am 19. November in der Wohnung seines Bruders. Er wird auf eigenen Wunsch in der Nähe Beethovens auf dem Währinger Friedhof in Wien beigesetzt.

              Werke:   „Große“ Symphonie in C-Dur (D 944) nach den Plänen und Entwürfen in Gmunden (1825), Fantasie in f-Moll für Klavier zu vier Händen (D 940), Messe in Es-Dur (D 950), Der 92. Psalm (D 953), Streichquintett C-Dur (D 956), Lieder nach Texten von Ludwig Rellstab, Heinrich Heine und Johann Gabriel Seidl, vom Verleger Tobias Haslinger veröffentlicht als Schwanengesang (D 957), drei Klaviersonaten (D 958-960), Entwurf zu einer Symphonie (D 936A) und Der Hirt auf dem Felsen nach Gedichten von Wilhelm Müller (D 965).

 

Berichte über Schuberts letzte Wochen

 „Zehn Tage ungefähr vor seinem Tode soupierte Schubert nebst mehreren anderen Freunden beimir. Er war sehr heiter, ja ausgelassen lustig, in welche Stimmung ihn wohl der an diesem Abend in größerer Menge genossene Wein, von welchem er überhaupt kein Verächter war, gebracht haben mochte. Den erwähnten Fisch, welcher ihm Ekel und das Gefühl, als hätte er Gift genommen, verursacht habe, hatte er, wie ich glaube, bei seinem Bruder mehrere Abende vorher genossen; das Gift scheint aber nicht nachteilig gewirkt zu haben, denn er war an jenem Abend bei mir vollkommen wohl und, wie gesagt, ungemein lustig. Der Gedanke, daß er Gift genommen, hat ihn öfter beschlichen, er hat diese Idee zu verschiedenen Zeiten mehrere Jahre früher auch in Zseliz schon ausgesprochen. Dieser Wahn beherrschte ihn das eine Mal, ich weiß nicht mehr, in welchem Jahre es war, so stark daß er damals in Zseliz keinen Augenblick Ruhe mehr hatte und mich, der ich mich eben auch mit Urlaub auf Besuch daselbst befand, noch am Abend vor meiner Rückreise nach Wien dringend bat, ihn mitzunehmen.“
Erinnerungen von Karl von Schönstein an Schuberts Krankheit, 1857

Tod und Begräbnis

Schubert starb am 19. November 1828 nachmittags, eine Reihe seiner engen Freunde befand sich in diesen Stunden im Stephansdom zur Hochzeitsfeier von Justina von Bruchmann mit Rudolf Smetana. Auf dem Totenbett soll Schubert nach Joseph Hüttenbrenner noch Melodien aus der Es-Dur Messe (D 950) gesungen haben. Laut seinem Bruder Ferdinand hatte er in seinen Fieberträumen geäußert, daß er neben Beethoven auf dem Währinger Friedhof beigesetzt werden wolle. Die Familie nahm auf diesen Wunsch Rücksicht, aber zum Zeitpunkt der Einladung zur Einsegnung in der Pfarrkirche St. Joseph in Margarethen stand noch nicht fest, daß Schubert dort begraben werden würde. Bei Schuberts Begräbnis wurden die von Ignaz von Seyfried arrangierten Gesänge „Miserere“ und „Amplius lava me“ von Beethoven angestimmt, die bereits bei dessen eigenem Leichenbegängnis erklungen waren. Die Entscheidung für die Verwendung dieser Musik ging auf die Hüttenbrenner-Brüder zurück, namentlich Joseph wollte Schuberts Rang auch durch eine gleichartige Würdigung wie jene Beethovens öffentlich kundgeben.

1828       „Daß Schubert nicht mehr existiren soll, kommt mir wie ein Traum vor.“
„Einer unserer besten Freunde, der wahrhaftig ein längeres Leben verdient hätte als viele Tausende – ist nicht mehr. Schubert ist heute vor 8 Tagen gestorben: er unter uns Allen der Lebensfroheste, in der Blüthe seiner Jahre, seines Wirkens – der Kunst! Er lag nur 8 oder 9 Tage. Ein bösartiges Nervenfieber, das der Arzt vermuthlich anfangs verkannte, raffte ihn schnell hinweg. Er hatte seit ein paar Monathen bei seinem Bruder auf der Wied[e]n gewohnt. Zwei Tage vor seinem Tode war ich noch bei ihm: den Tag darauf fing er zu phantasieren an, u[n]d kam dann in diesem Leben nicht wieder zu sich. Ich rechne mir’s nicht etwa hoch an, wenn ich wahrhaftig wünsche, statt seiner gegangen zu seyn. […] Hast du deiner Mutter denn noch immer nicht geschrieben? Thu es doch! du siehst, wie bald Einer sterben kann, u. dann bereut man umsonst, wenn man ihm im Leben nicht Alles geleistet hat. […] Daß Schubert nicht mehr existiren soll, kommt mir wie ein Traum vor. Ich glaub’, ein großes Stük meiner Juge[n]d ist mit ihm gestorben. Dem Schober geht es schlecht. […] Leb wohl, lieber Freund, schreibe bald, u. stirb ni[c]ht etwa auch Deinem Eduard“ Eduard von Bauernfeld an Ferdinand Mayerhofer von Grünbühel, am 26. November 1828

1829       Nekrologe der Schubert-Freunde Johann Mayrhofer, Leopold Sonnleithner, Joseph von Spaun und Eduard von Bauernfeld erscheinen in Zeitschriften, ein Nachruf von Joseph Hüttenbrenner bleibt ungedruckt. Eine Pränumerantenliste auf den Schwanengesang mit einem Verzeichnis der um Schubert trauernden Freunde, Bekannten und sonstigen Interessenten wird angelegt. Erstaufführung der Messe in Es-Dur (D 950) in der Dreifaltigkeitskirche in der Alser-Vorstadt am 4. Oktober 1829.

              Franz Grillparzers Entwürfe zu einem Gedenkspruch auf Schuberts Grabmal:
„Wanderer! Hast Du Schuberts Lieder gehört?
Unter diesem Steine liegt er. (Hier liegt, der sie sang.)“
„Die Tonkunst begrub hier einen reichen Besitz,
aber noch viel schönere Hoffnungen.“
„Er hieß die Dichtkunst tönen u. reden die Musik.“

Franz Grillparzer, September 1829. Der zweite Entwurf wurde ausgewählt.

1830       Errichtung des Grabmals auf dem Währinger Friedhof mit der Schubert-Büste von Joseph Alois Dialer. Anna Milder-Hauptmann singt den Hirt auf dem Felsen in Riga und Berlin. Wilhelmine Schröder-Devrient singt den Erlkönig vor Goethe.

1832       Wilhelmine Schröder-Devrient singt Schubert-Lieder in ihren Londoner Konzerten, der Verleger Christian Wessel veröffentlicht den Erlkönig innerhalb eines Almanachs erstmals in englischer Sprache.

1833       Erfolglose Erstaufführung des Es-Dur-Klaviertrios in Paris. Erste französisch textierte Neuausgaben von Schuberts Liedopera und Nachlasslieferungen erscheinen bei Charles Richault, der bekannte Operntenor Adolphe Nourrit interpretiert Schuberts Lieder seit 1834 in französischen Salons. Uraufführung des Streichquartetts Der Tod und das Mädchen in Berlin. Bis 1846 arrangiert Franz Liszt 55 Schubert-Lieder für Klavier.

1835       Schwind macht Skizzen für ein Schubert-Zimmer mit Bildmotiven in erster Linie zu Liedern von Mayrhofer und Goethe. Der Tenor Adolphe Nourrit in Paris singt erstmals öffentlich Schubert. Ferdinand Schubert zitiert in seiner Pastoralmesse (1846 veröffentlicht als sein op. 13) zahlreiche Werke seines Bruders, wobei von ihm sowohl extrem frühe wie späte Werke berücksichtigt werden.

1836       Johann Mayrhofer nimmt sich das Leben. Erste Schubert-Novelle von J. B. C. Jannach.

1838       Johann Chrysostomus Senns Gedichte erscheinen.

              Johann Senn: Gedichte
Als Senns Gedichte 1838 in Innsbruck erschienen, konnte er freilich nur einen bescheidenen Bruchteil seines Werks der Öffentlichkeit vorstellen. Der überwiegende Teil seiner Texte hatte die Zensur nicht passiert. Bis heute sollte keines der pantheistischen Gedichte veröffentlicht werden. Es ist der Metternichschen Zensur gelungen, das Bild dieses Dichters nur sehr ungefähr und vage hervorschimmern zu lassen.

1839       Robert Schumann nimmt Einblick in Schuberts Nachlaß bei dessen Bruder Ferdinand und bewirkt, daß Mendelssohn Bartholdy im März in Leipzig die Große C-Dur-Symphonie uraufführt. Ein Jahr später erscheint bei Breitkopf & Härtel eine Bearbeitung für Klavier zu vier Händen und das Orchestermaterial, 1849 die Partitur. In Schumanns Neuer Zeitschrift für Musik erscheinen Ferdinand Schuberts Erinnerungen aus Schuberts Leben.

              Große C-Dur-Symphonie (D 944), März 1828.
Dem Einsatz von Robert Schumann und Felix Mendelssohn Bartholdy ist es zu verdanken, daß es in Leipzig 1839 zur Erstaufführung von Schuberts „großer” Symphonie in C-Dur (D 944) kam. Bei seinem Besuch zu Neujahr 1839 konnte Schumann bei Ferdinand Teile des musikalischen Nachlasses von Schubert in Augenschein nehmen und Ferdinand davon überzeugen, ihm sowohl die sogenannte Kleine, als auch die Große C-Dur-Symphonie zur Verfügung zu stellen. Ferdinand lieferte für die kleine Symphonie auch bereits das komplett ausgeschriebene Orchestermaterial mit. Trotzdem entschied sich Felix Mendelssohn – bei dem die Noten erst Mitte Februar eintrafen –, als Dirigent des Leipziger Gewandhausorchesters, noch für ein Konzert im März die Große C-Dur-Symphonie auf das Programm zu setzen, also nochmals Material ausschreiben zu lassen und diese Symphonie, die selbst das erprobte Leipziger Orchester herausforderte, in diesen wenigen Wochen einzustudieren. Sowohl die bei Breitkopf edierten Orchesterstimmen (1839/1840) als auch die 1849 ebendort erschienene gestochene Partitur gehen auf Ferdinands Abschrift zurück.

Schumann hatte erst kurz vor der wiederholten Aufführung im Dezember Gelegenheit, Schuberts Symphonie erstmalig zu hören und schilderte sie seiner Braut Clara mit großer Begeisterung:

„heute war ich selig, in der Probe wurde eine Symphonie von Franz Schubert gespielt. [...] Die ist Dir nicht zu beschreiben, das sind Menschenstimmen, alle Instrumente, und geistreich über die Maßen, und diese Instrumentation trotz Beethoven – und diese Länge wie ein Roman in vier Bänden, länger als die neunte Sinfonie [...].“ Und in seiner Rezension für die „Neue Zeitschrift für Musik” führt er dann im folgenden meist ungenau zitierten Passus aus: „Und diese himmlische Länge der Symphonie, wie ein dicker Roman von vier Bänden etwa von Jean Paul, der auch niemals endigen kann und aus den besten Gründen zwar, um auch den Leser hinterher nachschaffen zu lassen.“

1842       Franz von Schobers Gedichte erscheinen. Erste Veröffentlichungen von Briefen und Lebensdokumenten Schuberts: Nachdem bereits kurz nach Schuberts Tod, innerhalb einer Würdigung seines Klaviertrios Opus 100 in der Leipziger Allgemeinen musikalischen Zeitung ein Schubert-Brief (an Probst, den Verleger des Trios) veröffentlicht worden ist und Ferdinand Schubert einen in einem Schulbuch 1833 zitierte, brachte Robert Schumann in Leipzig 1839 auch weitere Lebensdokumente zum Abdruck: darunter Schuberts im Stadtkonvikt geschriebenen berühmten Bettelbrief um Semmeln an einen seiner Brüder und die Erzählung Mein Traum. Erst 1843 gab es auch in Österreich weitere Erstveröffentlichungen seiner Briefe, inzwischen konnten seine Freunde und andere Adressaten durchaus mit großem Interesse von Liebhabern und der Öffentlichkeit rechnen, und sie veräußerten ihre Schätze nach und nach. Manche Quelle kam dabei inzwischen abhanden, und manch andere wurde bewußt aus dem Verkehr gezogen und nur auszugsweise veröffentlicht, da man befürchtete, daß ihr Inhalt zu privat sei und das Ansehen des Komponisten oder noch lebender Freunde hätte kompromittieren können. Seit Otto Erich Deutschs letzter Ausgabe der Schubert-Dokumente (1964), in der 74 Schubert-Briefe (einschließlich kurzer Notizzettel) gedruckt erscheinen, sind bis ins Jahr 1999 fünf weitere Briefe aus privaten oder öffentlichen Sammlungen bekanntgeworden. Über den Inhalt eines bislang unveröffentlichten Liebesbriefs von Schubert (Privatbesitz) gibt es noch keine konkreten Informationen.

1843       Louis Rocca legt in Leipzig ein Verzeichnis der gedruckten Werke Schuberts vor. Gründung des Wiener Männergesang-Vereins. Eine Ausgabe von Johann Mayrhofers Gedichten, herausgegeben von Ernst von Feuchtersleben, erscheint.

1846       Das Adagio in Es für Klavier, Violine und Violoncello op. 148 (D 897) wird von Diabelli unter dem Titel Nocturne (“Nachtstück“) veröffentlicht. Schuberts Messe G-Dur (D 167) erscheint in Prag bei Marco Berra in einer Stimmenausgabe als angebliches Werk des Veitsdom-Kapellmeisters Robert Führer. Zwei Porträtlithographien Schuberts von Joseph Kriehuber erscheinen.

1848       Verlust mehrerer Schubert-Manuskripte in den Wirren der Revolutionszeit, als die Hausgenossen Joseph Hüttenbrenners verschiedene Papier konvolute verbrennen.

1850       Uraufführung des Streichquintetts durch Joseph Hellmesberger (u.a.) und dessen Erstausgabe.

              Joseph Hellmesbergers Einsatz für das Streichquintett
Einen Anhaltspunkt für eine Entstehung des Werkes in jener Zeit, als der Komponist sich wenige Monate vor seinem Tod auch mit den Heine- und Rellstab-Liedern befaßte, bietet nur Schuberts Mitteilung an den Leipziger Verleger Heinrich Albert Probst, dem er das Werk Anfang Oktober 1828 offeriert und mitteilt, daß es in diesen Tagen gerade „erst probirt“ werde. Die Chance, daß das Stück bereits kurz nach Schuberts Tod bekannt hätte werden können oder spätestens durch Robert Schumann 1839, wurde durch den Verleger Diabelli vertan: Als er das Manuskript im November 1829 von Ferdinand Schubert erwarb, wurde zwar eine Veröffentlichung vorbereitet, doch kam es nicht dazu und das Stück verschwand im Verlagsarchiv, bis es Joseph Hellmesberger dort 1850 fand und umgehend zur Uraufführung brachte. Wenig später erschien dann auch der Druck des Quintetts, der heute die einzige Überlieferung darstellt, da Schuberts Originalmanuskript verschollen ist. Als Sohn des mit Schubert befreundeten Geigers Johann Georg Hellmesberger war Joseph, der Begründer des namhaften Streichquartetts, schon von Kindheit an mit dem Kammermusik-OEuvre Schuberts vertraut, obwohl dieser noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts überwiegend als Liederkomponist bekannt war. „Hellmes-bergers Leistungen als Quartettprimarius waren unvergleichlich. Gewisse undefinierbare, faszinierende Klangwirkungen, die er seiner Geige zu entlocken wußte, beispielsweise im C-dur-Quintett von Schubert, sind mir nie wieder begegnet.“ Joseph Sulzer, Ernstes und Heiteres aus den Erinnerungen eines Wiener Philharmonikers, Wien 1910.

1851       Stockhausen singt in London einen Gutteil des Zyklus’ Winterreise. In der Schauspielfassung von Les Contes d‘Hoffmann von Jules Barbier und Michel Carré wird das Ritornell aus Schuberts „Marguerite“ (Gretchen am Spinnrad) zitiert, eines der in Pariser Salons populärsten deutschen Lieder.

1852       Erste Schubert-Medaille von Joseph Edgar Böhm wird geprägt. Bis 1928 wurden österreichische Münzen jedoch ausschließlich von den Porträts gekrönter Häupter aus dem habsburgischen Kaiserhaus geziert, doch anläßlich der Feier von Schuberts hundertstem Todestag gab es dann erstmals eine 2-Schilling-Schubert-Münze. Zu Ehren des 150. Todestages von Schubert wurde dann eine 50-Schilling-Silbermünze geprägt.

1854       Eine unvollständige Chorpartitur der Deutschen Messe erscheint unter dem Titel Das deutsche Hochamt. Uraufführung von Alfonso und Estrella unter Franz Liszt im Großherzoglichen Hoftheater Weimar in Anwesenheit Franz von Schobers.

1856       Nach vergeblichen Versuchen Felix Mendelssohns, die Große C-Dur-Symphonie in England einzuführen, was nur zu einer Privataufführung vor adeligem Publikum 1844 führte, bringt August Manns die Symphonie 1856 im Cristal Palace zu Gehör, verteilte die vier Sätze aber auf mehrere Abende. Julius Stockhausen bietet den Zyklus Die schöne Müllerin – wohl erstmals vollständig – in Wien dar.

              Eduard Hanslick bespricht 1856 Julius Stockhausens Wiener Darbietung der Schönen Müllerin
„Stockhausen nahm Abschied vom Publikum, und zwar mit dem einfachsten Programm der Welt. Anstatt des gewöhnlichen Sammelsuriums von Stücken, deren eines nicht zum andern gehört, lasen wir auf dem Anschlagzettel bloß: »Die schöne Müllerin«, ein Liederzyklus von Franz Schubert. Die Idee ist unseres Wissens eine neue; daß sie zugleich eine glückliche war, zeigte der wahrhaft überraschende Besuch des Konzertes. Wie durch stillschweigende Verabredung hatten sich alle echten Anhänger deutscher Musik zu dieser Produktion eingefunden, welcher zu einem eigentlichen Schubert-Feste nichts als die ausdrückliche Bezeichnung fehlte. […]“ Zitat in Eduard Hanslick, Geschichte des Concertwesens in Wien, 1870

              Jenny Lind, die „schwedische Nachtigall“, als frühe Interpretin der Schönen Müllerin
Daß die in ganz Europa als Opern- und Liedsängerin gefeierte Jenny Lind (1820-1887) eine der ersten Frauen war, die sich an den Zyklus Die schöne Müllerin wagten, ist besonders deshalb bemerkenswert, weil sie nach dem Zeugnis von Eduard Hanslick eher über eine „anmutige, naive, sanftelegische“ Stimme verfügte.

1857/58   Ferdinand Luib versendet Fragebögen an Schuberts Freunde und Bekannte, um für eine Biographie zu recherchieren.

1859       Ferdinand Schubert stirbt. Johann Herbeck findet Manuskriptteile des Lazarus (D 689).

              Bewahrung des Familiennachlasses
Nach dem Tod Ferdinand Schuberts steht die Verwahrung und Verwaltung von dessen noch immer außerordentlich bedeutender Schubert-Sammlung zur Disposition, sie wird zur Deckung einer Schuld von 1000 Florin zunächst beschlagnahmt. Während manche Manuskripte vor der Veräußerung an unqualifizierte Besitzer (teils als Verpackungsmaterial) nur knapp der Vernichtung entgehen, sorgen der Dirigent Johann Herbeck und der nachmalige Schubert-Biograph Heinrich Kreißle für eine Rettung des Nachlaß’. Später gingen diese Manuskripte über mehrere Zwischenbesitzer und Vermittler in öffentliche Wiener Sammlungen und die Gesellschaft der Musikfreunde.

1860/61   Heinrich Kreißle von Hellborn legt seine ersten Recherchen zu Schubert unter dem Titel Eine Biographische Skizze vor.

1861       Konzertante und szenische Uraufführung des Singspiels Die Verschworenen, erstere in Gegenwart des Librettisten in Wien, letztere in Frankfurt am Main.

1862       Erste Pläne zu einem Schubert-Denkmal im Wiener Stadtpark. Johann Herbeck führt mit dem Wiener Männergesang-Verein die Deutsche Messe in einem Arrangement für vier Männerstimmen in der Augustiner Hofkirche auf. Der Bariton Julius Stockhausen und der Pianist und Komponist Carl Reinecke führen am 25. März den Zyklus Die schöne Müllerin (D 795) mit deklamiertem Prolog, Epilog und den drei von Schubert nicht komponierten Gedichten von Wilhelm Müller auf. Stockhausen bietet dieses Programm 1864 auch vor 2000 Hörern im Kölner Gürzenich dar. Moritz von Schwind zeichnet zu Franz Lachners 25-jährigem Dienstjubiläum als Kapellmeister der Münchner Oper die sogenannte „Lachner-Rolle“.

1863       Erste Exhumierung der Gebeine Schuberts und Beethovens im Beisein von Schuberts Bruder Andreas. Von der Exhumierung wird ein Protokoll angefertigt, dabei werden die Gebeine Beethovens und Schuberts miteinander verglichen. Uraufführung des Fragments Lazarus unter Johann Herbeck im Redoutensaal. Gründung des Wiener Schubertbundes.

1864       In Franz von Suppés Operette Franz Schubert, nach einem Text von Johann von Päumann, tritt Schubert erstmals als Bühnenfigur in Erscheinung, der Librettist erfindet die Legende von der Höldrichmühle und behauptet, daß der Komponist in diesem Gasthof in der Nähe von Mödling zu seinem Zyklus Die schöne Müllerin angeregt worden sei.

1865       Johann Herbeck, der seit 1860 von der Existenz der „Unvollendeten“ Symphonie in h-Moll (D 759) bei Anselm Hüttenbrenner wußte, erhält das Manuskript aus der Hand Anselms, bewirkt dessen Veröffentlichung und dirigiert die Uraufführung. Erste Schubert-Biographie von Heinrich Kreißle von Hellborn.

1867       Johann Herbeck plant, den von ihm aufgefundenen Partiturentwurf des Graf von Gleichen (D 918) zu vollenden und zu orchestrieren. Mit der Erstaufführung der „Unvollendeten“ und jener der erstmals wieder zusammengefügten Musik zu Rosamunde beginnt eine neue Ära der Schubert-Rezeption in England.

              George Grove und Arthur Sullivan als Propheten Schuberts in England
Der verdiente, nicht zuletzt dank seines Musiklexikons noch heute berühmte George Grove zog auch den später namhaften Operettenkomponisten Arthur Sullivan zu Rate, als er sich daran machte, wie andere bedeutende Wissenschaftler aus dem englischen Sprachraum, die Musikgeschichte des Kontinents zu erforschen und in Wien nach Schubert-Quellen zu fahnden, namentlich nach den in jenen Jahren verschollenen Teilen zu Rosamunde.

1868       Moritz von Schwind malt: Ein Schubert-Abend bei Ritter von Spaun (farbiger Entwurf zu einem Gemälde und ausgeführte Sepiazeichnung). Eine Lünette seiner Fresken in der neuerbauten Hofoper (heute Staatsoper) an der Wiener Ringstraße stattet Schwind mit Schubert-Thematik aus.

1871       Beginn einer „kritisch-correcten“ (unvollständigen) Gesamtausgabe von Schuberts Liedoeuvre im Leipziger Verlag Carl Friedrich Peters, die in ihren immer wieder neu aufgelegten und in den 1880er Jahren durch Max Friedlaender revidierten und ergänzten sieben Bänden bis heute maßgeblichen Einfluß auf das Schubert-Repertoire hat. Moritz von Schwind stirbt.

1872       Enthüllung des Schubert-Denkmals von Carl Kundmann im Stadtpark Wien.

              Joseph von Spaun zu dem projektierten Schubert-Denkmal
„Vor einigen Tagen gab man zum Vortheil des Schubert Monuments ein Konzert, in dem nur Schubertische Kompositionen vorgetragen wurden […]. – Das Monument wird in Mitte des sehr schönen Stadtparks stehen, und da der Fond reichlich zusammengefloßen, so kann das Monument ein sehr würdiges werden. Man hat hier zu wenig gewußt was man an Schubert habe, nun weiß man aber was man an ihm verloren.“ Joseph von Spaun an Franz von Schober, 22. März 1864

1873       August Reissmann gibt seine Schubert-Studie heraus, die sich in erster Linie mit dem Werk, namentlich mit dem Lied befaßt. Als „artistischer Direktor“ der Wiener Weltausstellung 1873 weigert sich Johannes Brahms, ein ausschließlich mit Schubert-Nummern bestücktes Festkonzert einzustudieren.

1874       Gustav Nottebohm erstellt ein erstes „Thematisches Verzeichnis der im Druck erschienenen Werke Franz Schuberts“, das nach Opuszahlen gegliedert ist. Diesem Verzeichnis gingen unvollständige Verzeichnisse schon zu Schuberts Lebzeiten voraus.

1875       Erstveröffentlichung der Erstfassung von Schuberts Missa solemnis in As-Dur (D 678) durch Friedrich Schreiber (Fassung letzter Hand erst in der alten Schubert-Gesamtausgabe 1887). Als Uraufführungsdatum der Messe gilt – nach wie vor unbelegt – 1822, als Ferdinand Schubert das Werk vielleicht in der Alt-Lerchenfelder Kirche zu Gehör brachte.

1876       Constantin Ritter von Wurzbach verfaßt einen der frühen wichtigen lexikographischen Artikel zu Schubert innerhalb seines 60bändigen Biographischen Lexicon des Kaiserthums Oesterreich.

1881       Erstes aufwendig produziertes Faksimile einer Schubert-Handschrift: Reinschrift der 3. Fassung der Forelle, das für Joseph Hüttenbrenner niedergeschriebene Exemplar mit dem Tintenfleck in: Manuscript- und Portrait-Gallerie musikalischer Heroen. Konzertzyklus mit sämtlichen – bis dahin teils unveröffentlichten – Schubert-Symphonien in London. In diesem Rahmen erfolgte von mehreren frühen Symphonien Schuberts die öffentliche Uraufführung. Der Symphonie-Entwurf in E-Dur (D 729) wurde hier in einer Instrumentierung von John Francis Barnett gespielt, die „Unvollendete“ mit dem ersten Entreakt aus Rosamunde zu einer viersätzigen Symphonie ergänzt.

1882       Franz von Schober stirbt in Dresden.

              Schubert in den Nekrologen und Memoiren seiner Freunde
Franz von Schobers handschriftlicher Nachlaß, dessen überlieferte Teile heute überwiegend in Wien (Stadt- und Landesbibliothek) und Hamburg verwahrt werden, birgt mit Abstand die meisten wichtigen biographischen Dokumente zu Schubert aus dessen Reifezeit. Das macht die Tatsache wett, daß Schober sich – wie übrigens auch Bruchmann, Jenger, Kupelwieser, Lachner, Schlechta, Schwind und Senn – nicht dazu entschließen konnte, seine Erinnerungen an Schubert ausführlich aufzuschreiben. Dagegen haben Joseph Hüttenbrenner, Johann Mayrhofer, Leopold Sonnleithner, Joseph von Spaun, Eduard von Bauernfeld sowie Anton Schindler schon recht früh, und weitere Freunde immerhin nach eingehenden Mahnungen der Biographen dann gegen Ende ihres Lebens ihre Erinnerungen aufgeschrieben.

1884-97   Die erste Gesamtausgabe, herausgegeben u. a. von Johannes Brahms, Eusebius Mandyczewski und Johann Nepomuk Fuchs erscheint bei Breitkopf&Härtel in Leipzig. Einige unvollendete oder nur skizzierte Werke finden keine Berücksichtigung.

1888       Zweite Exhumierung der Gebeine Schuberts und Umbettung des Sargs auf den Wiener Zentralfriedhof, dort Errichtung des Schubert-Grabmals von Carl Kundmann. Die Schubert-Büste von Dialer wird durch eine Kopie ersetzt, das Original geht an den Wiener Männergesang-Verein (heute im Schubert-Museum der Stadt Wien). Mit wissenschaftlicher Beratung von Max Friedlaender singt Julius Stockhausen die Lieder der Winterreise in der Reihenfolge, wie sie im Gedichtzyklus Müllers stehen: Die Post erklang nach Der Lindenbaum, der Frühlingstraum nach Die Nebensonnen.

1890       Öffentliche Uraufführung der von Max Friedlaender herausgegebenen Chorwerke Tantum ergo in Es-Dur (D 962) und Tenor-Arie mit Chor Intende voci (D 963) im Stadttheater Eisenach.

1896       Der vierjährige Posten, Uraufführung in der Bearbeitung von Robert Hirschfeld in der Hofoper Dresden anläßlich des 105. Geburtstags von Theodor Körner. Gustav Burchard: „Franz Schubert“ (Singspiel, Berlin)

1897       Ausstellung und Gedenkfeiern zu Schuberts 100. Geburtstag. An einem Wettbewerb um eine würdige Darstellung Schuberts durch Künstler des Fin de Siècle beteiligt sich auch Gustav Klimt, doch wird für die Schubert-Gedenkstätte im Wiener Rathaus das Gemälde von Julius Schmid gewählt. Die Schubert-Oper Fierabras wird in Karlsruhe uraufgeführt, bearbeitet von Felix Mottl. Heinrich Zoellner: Schubertiade (Singspiel).

1898       Edith Clegg singt in London erstmals Schubert auf Grammophon-Platten: Ave Maria und Heidenröslein. 1901 singt Leo Slezak Ungeduld auf Grammophon-Platten. Ludwig Wüllner veranstaltet vier historische „Schubert-Abende“ in München. Felix Mottl bringt in Karlsruhe seine mit weiterer Schubert-Musik kombinierte Version der Zauberharfe heraus, unterlegt die Musik aber Ferdinand Raimunds Stück Die gefesselte Phantasie (Wiederaufführungen im Burgtheater Wien 1936 und im Theater in der Josefstadt 1978).

1903       Arnold Schönberg arrangiert Schuberts Rosamunde-Musik für Klavier zu vier Händen.

              Musizieren in Ermangelung von Aufzeichnungsgeräten und als Partiturstudium
Neben der eigentlichen Literatur für Klavier vierhändig existierte bis weit ins 20. Jahrhundert hinein das gleichermaßen höchst beliebte Arrangement-Repertoire, das verschiedenen Zwecken zugleich diente: der musikalisch adäquateren Umsetzung von großer Orchestermusik auf dem Klavier als es im zweihändigen Auszug möglich war und nicht zuletzt dem geselligen Zusammenwirken zweier Klavierspieler unterschiedlicher technischer Fähigkeiten, die sich das ansonsten lediglich im Konzertsaal oder dem Theater hörbare Repertoire spielend erarbeiten konnten. Viele Komponisten des 19. Jahrhunderts erstellten im eigenen Interesse und auch zum Vorteil der Verleger Klavierbearbeitungen ihrer Werke, die oft wesentlich höheren Absatz fanden als die Originalausgaben, wobei den selbst erarbeiteten Arrangements der Komponisten nicht unbedingt immer der Vorzug gegenüber jenen professioneller Arrangeure einzuräumen ist, was etwa an der durchaus ebenbürtigen vierhändigen Version der Ouvertüre zu Fierabras (D 796) von Carl Czerny mit jener Schuberts festzustellen ist.

1904       Carl Costa/Carl Antropp: Franz Schubert (Volksstück).

1905       Otto Nowak (1875-1945), ein Wiener Genre- und Porträtmaler, tritt als ausübendes Mitglied in den Wiener Schubertbund ein. Nowak wurde in den folgenden Jahrzehnten einer der produktivsten Schubert-Darsteller, der maßgeblich daran beteiligt war, das Bild des weltfremden „Schwammerl“ à la Bartsch und Berté zu popularisieren. Durch seine künstlerische – wenn auch nicht geschmackliche – Qualifikation hat er das Schubert-Bild von 1928 wesentlich mitgeprägt.

1908       Konzertante Uraufführung der Oper Die Bürgschaft durch den Wiener Schubertbund. Erste Einspielung der vollständigen Schönen Müllerin auf Tonträgern durch den Tenor Franz Naval. Leo Heller/Richard Wurmfeld/ Béla Laszky: Schubert (Episode in einem Akt).

1911       Rudolf Hans Bartsch: Schwammerl (Roman).

1912       Arnold Zweig: Die Novellen um Claudia (Roman mit dem Kapitel „Die Sonatine“, zu D 384). Julian Raudnitz: Horch, horch, die Lerch’ (Singspiel).

1913       Der Wiener Kulturhistoriker Otto Erich Deutsch (1883-1967) legt nach ersten kleineren Schubert-Arbeiten seinen Bildband zu Schubert vor, den ersten Teil des auf vier Bände veranschlagten Dokumentationswerkes, dem noch die zu Lebzeiten erschienenen Dokumente zu Schubert (1914) und 1946 deren Ausgabe samt Kommentar in englischer Sprache folgen. Szenische Uraufführung des Fragments Claudine von Villa Bella im Gemeindehaus Wieden durch den Wiener Schubertbund. 50-jähriges Jubiläum des Schubertbundes Wien.

              Die Verschworenen als Stück des Zeitgeists im ersten Weltkrieg um 1914?
1915 setzte sich Deutsch mitten im ersten Weltkrieg für eine neuerliche Aufführung der Verschworenen ein und verwies auf die – wie er meinte – aktuelle Thematik. Nicht von ungefähr aber ließ sich Hans Gregor, damals Hofoperndirektor, nicht darauf ein: schließlich handelt es sich bei diesem Sujet nach Aristophanes denn doch um ein Plädoyer gegen den Krieg, selbst wenn Castelli und auch die meisten seiner späteren Bearbeiter das Anliegen der Frauen, die Männer vom Krieg abzuhalten, ironisierten und die Männer in diesem „häuslichen Krieg“ siegen ließen.

1916       Die Operette Das Dreimäderlhaus von Heinrich Berté unter ausschließlicher Verwendung Schubertscher Musik, vornehmlich aus Instrumentalwerken, wird in Wien uraufgeführt und geht mit sensationellem Erfolg über die Bühnen der Welt.

              Das Dreimäderlhaus als maßgeblicher Beitrag zur Schubert-Rezeption?
Selbst wenn Bertés Operette in erster Linie Klischeebilder Schuberts reproduziert, ist seine Wirkung auf die Schubert-Rezeption der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts außerordentlich groß: Seit seiner Uraufführung im Wiener Raimundtheater 1916 erzielte es mehr als 80.000 Aufführungen in der ganzen Welt.

              Wie konnte es zum Dreimäderlhaus kommen?
Dokumentarische Belege für persönliche Kontakte des Schubert-Kreises zu den vier Fröhlich-Schwestern und Grillparzer sind äußerst rar, mit Sicherheit aber gab es häufige Begegnungen und gemeinsame musikalische Privataktivitäten, die nur mündlich vereinbart waren und weder in Tagebüchern noch Briefen erwähnt sind. Der Versuch Grillparzers und der Fröhlichs, ihre Privatsphäre durch ein Verschweigen von Informationen zu schützen, führte letztlich zu jenen zahllosen belletristischen Versuchen, konkretere Schilderungen der Beziehungen des Dichters sowie Schuberts zu den Fröhlichs und anderen Frauen zu erfinden. Während Eduard von Bauernfeld noch vergeblich dazu riet, wilden Spekulationen durch eine offene Darstellung der authentischen Verhältnisse entgegenzutreten, kulminierten die Ausschmückungen des nicht dokumentarisch Belegten schließlich in den äußerst erfolgreich vermarkteten Rezeptionsphänomenen wie Rudolf Hans Bartschs Roman Schwammerl (1912) und Heinrich Bertés Operette Das Dreimäderlhaus (1916).

              Die Faktur des Dreimäderlhauses von Heinrich Berté
Das Dreimäderlhaus ist eine in jeder Beziehung äußerst raffiniert konstruierte Operette, deren Verfasser den Erfahrungsschatz ganzer Arrangeur-Generationen in das Werk einbrachten und gleichzeitig auf ein im Rahmen der Biedermeier- und Alt-Österreich-Nostalgiewelle ideales Sujet zurückgreifen konnten. Beim Versuch, die Potpourri-Faktur des Dreimäderlhauses durch einen Nachweis aller verwendeten Melodien detailliert aufzuschlüsseln, stellte sich heraus, daß Berté bei den meisten Nummern der Partitur auf Schubertsche Instrumentalmusik zurückgriff und zwar auf seine in ihrer Originalfassung oft nicht eben unscheinbaren, aber kaum je plakativen Klavierstücke, darunter Themen aus Sonaten, deutschen Tänzen und dergleichen (das Zitat aus der Wandererfantasie stellt schon eher eine Ausnahme dar).

1917       Richard Nordmann (pseud. für Margarete Langkamer): Schubert (Szene).

1918       Szenische Uraufführung von Fernando in Magdeburg. Carl Lafite: Hannerl (Fortsetzung der Operette Dreimäderlhaus, uraufgeführt 1928 im Raimundtheater Wien). Oscar Straus: Hannerl und Schubert (Singspiel, Hamburg). In Fritz Kortners Beethoven-Stummfilm Märtyrer seines Herzens erscheint erstmals eine „Schubert“-Nebenrolle.

1920       Hans Buresch: Leise flehen meine Lieder (Schauspiel mit Musik in drei Akten).

1921       August Jurek: Hannerl vom Dreimäderlhaus (Singspiel, Wien)

1922       Ergänzung der Reliquie (Klaviersonate D 840) auf Anregung von Eduard Erdmann durch Ernst Krenek.

1923       Gustav Mayer: ’S Hannerl vom Dreimäderlhaus (Stummfilm).

1925       Joseph Boden: Wiener Schubertiade (Singspiel, Heidelberg).

1926-30   Alfred Deutsch-German: Franz Schuberts letzte Liebe (Film über Schubert und Paganini)

1928       Monumentale Schubert-Feiern zum 100. Todestag.
10. Deutsches Sängerbundesfest in Wien, bei dem Zigtausende gemeinsam Schubert-Lieder singen. Ein in den USA ausgeschriebener Internationaler Wettbewerb soll Komponisten zur Vollendung von Schuberts h-Moll-Symphonie (D 759) anregen.
Aufführungen von zahlreichen Schubert-Opern, einer Konzertversion von Rosamunde mit Erzähler (von Engelbrecht-Schwarz und O. E. Deutsch), aber auch die szenischen Uraufführungen von Die Freunde von Salamanca (mit Dialogen von G. Ziegler) in Halle/Sachsen sowie von Lazarus in Essen. Schubert-Singspiele und Operetten: Ernst Heinrich Bethge, Franz Schuberts erste Liebe und Bertl; J. und H. Neudorfer, Künstlerlos; Hermann Hoffmann, Unser Franz Schubert; Max Schimann, 1828–Schubert–1928; Willi Reeg, Franz Schubert; Ferdinand Soeser, Franz Schuberts musikalische Sendung; Oskar Staudigl, Schuberts Heimkehr; Viktor Hess, Vreneli in Grinzing; Emil Berté, Der Musikus von Lichtental; W. Herrmann, Am Brunnen vor dem Tore; Julius Bittner, Der unsterbliche Franz.

              Filme: Das Mädchen aus der Höldrichsmühle; Der Schulmeister von Lichtental (Österreich/England); Franz Schubert und seine Zeit; Franz Schubert und sein lachendes Wien. Theodor Wiesengrund Adorno: „Schubert“ (Aufsatz).

1931       „Wiederentdeckung“ der Deutschen Tänze (D 820), die Anton Webern orchestriert.

1933       Willi Forst Leise flehen meine Lieder (erster Schubert-Tonfilm mit Hans Jaray, Martha Eggerth, Luise Ullrich, Hans Moser), englische Fassung The unfinished Symphony (1934).

1934       Uraufführung von Felix Weingartners Ausarbeitung der Symphonie in E-Dur (D 729) durch die Wiener Philharmoniker. Englischsprachige Verfilmung des Dreimäderlhauses unter dem Titel Blossom Time (Regie: Paul L. Stein) mit Richard Tauber als Schubert.

1936/37   Stefan Zweig ist gezwungen, seine Autographen-Sammlung zu veräußern und zu verschenken, darunter befinden sich zahlreiche wichtige Schubertiana. E. W. Emo: Drei Mäderl um Schubert (Tonfilm mit Paul Hörbiger, Maria Andergast, Gustav Walter).

1938       Willi Kahl legt ein umfangreiches Verzeichnis des Schrifttums über Schubert von 1829-1928 vor. Otto Erich Deutsch verläßt nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich seine Heimat, wirkt in England, fährt jedoch mit seinen Schubert-Arbeiten auch im Exil fort. In der Kriegs- und Nachkriegszeit verlieren sich die Spuren zu zahlreichen Quellen in Privatbesitz, vieles wird systematisch zerstört.

1940/41   Lotte Lehmann nimmt die komplette Winterreise für Schallplatten auf, 1942 ebenfalls die Schöne Müllerin.

1943       Richard Strauss notiert den nur in der Familientradition überlieferten Kupelwieser-Walzer nach der Darbietung von Maria Mautner-Markhof, einer Nachfahrin Leopold Kupelwiesers.

1947       Dietrich Fischer-Dieskau gibt erste Liederabende in Berlin, darunter auch die Winterreise. Fischer-Dieskau hat den Zyklus zwischen 1951 und 1985 sechsmal für Schallplatte aufgenommen. Emmerich Hanus: Seine einzige Liebe (Film mit Franz Böheim).

1949       Uraufführung von Der Spiegelritter (Radio Beromünster in Bern, Schweiz). Auch alle weiteren Opern und Singspiele inklusive der Fragmente werden vom selben Sender aufgenommen; die meisten Bänder wurden aber wieder gelöscht.

1951       Otto Erich Deutsch legt in englischer Sprache erstmals ein vollständiges Werkverzeichnis Schuberts, den Thematic Catalogue of all his Works in chronological Order vor. Anders als zuvor u. a. Nottebohm ist für ihn die Reihenfolge der Entstehung maßgeblich für die Anordnung.

1953       Walter Kolm-Velté: Franz Schubert – ein Leben in zwei Sätzen (Farbfilm mit Heinrich Schweiger, Aglaja Schmid, Hans Thimig).

1956       Rundfunkaufnahme von Alfonso und Estrella unter der Leitung von Nino Sanzogno in italienischer Sprache für die RAI in Rom.

1957       Otto Erich Deutsch gibt die Erinnerungen der Freunde Schuberts als dritten Teil seiner Schubert-Dokumentation (seit 1913) heraus.

1958       Das Dreimäderlhaus wird von Ernst Marischka verfilmt, in einer Singspiel-Fassung (mit Karlheinz Böhm, Johanna Matz, Ewald Balser, Magda Schneider, Gustav Knuth, Rudolf Schock). Uraufführung der Schubert-Shakespeare-Oper Die Wunderinsel – von Kurt Honolka vorwiegend mit Musik aus Alfonso und Estrella zusammengestellt – in Stuttgart unter Mitwirkung von Fritz Wunderlich.

1964       Im Vorfeld der Begründung eines Tübinger Forschungsinstituts zur Edition der Werke bringt Otto Erich Deutsch (†1967) seine Dokumentensammlung zu Schubert erstmals in deutscher Sprache mit Kommentaren und erschlossen durch ein Register heraus.

1966       Herausgegeben von der Internationalen Schubert-Gesellschaft erscheint die Neue Schubert-Ausgabe bei Bärenreiter in Kassel, vorgelegt von Walther Dürr, Arnold Feil, Christa Landon, Werner Aderhold, Walburga Litschauer, Manuela Jahrmärker, Michael Kube, Christine Martin und externen Mitarbeitern.

1969       Walther Dürr beginnt mit der Neuausgabe der Liederbände Schuberts und wahrt bei den von Schubert selbst veröffentlichten Liedern die Opus-Gruppierungen. Christa Landon (1921 – 1977) entdeckt im Archiv des Wiener Männergesang-Vereins rund 50 Schubert-Autographe.

1969-71   Dietrich Fischer-Dieskau (*1925) und Gerald Moore (1899-1987) spielen den Großteil der Schubert-Lieder für die Deutsche Grammophon auf Tonträgern ein.

1971       Dietrich Fischer-Dieskau veröffentlicht erstmals seine Studie Auf den Spuren der Schubert-Lieder. Werden - Wesen - Wirkung. Uraufführung des Fragments Sakuntala in der Einrichtung von Fritz Racek bei den Wiener Festwochen.

1976       Erstes Festival der Schubertiade in Hohenems (Gründung 1975 durch Hermann Prey mit der ursprünglichen Absicht, alle Werke Schuberts in chronologischer Reihenfolge innerhalb eines Zeitraumes von 12 Jahren aufzuführen). Alfred Brendel: Nachdenken über Musik (Aufsätze, darunter „Schuberts Klaviersonaten“ 1822-1828). Friederike Mayröcker: Der Tod und das Mädchen (Hörspiel), Wetter-Zettelchen (Schubert-Porträt in Form einer Text-Collage).

1978       150. Todestag. In zahlreichen Konzertzyklen und Ausstellungen des In- und Auslandes wird der Komponist gewürdigt, grundlegende wissenschaftliche Studien zu Schubert erscheinen, darunter die deutschsprachige Neuaus-gabe des Werkverzeichnisses nach Otto Erich Deutsch im Rahmen der Neuen Schubert-Ausgabe (bearbeitet von Werner Aderhold und der Editions-leitung der Neuen Schubert-Ausgabe). Szenische Uraufführung einer Bearbeitung von Des Teufels Lustschloß in Potsdam. Titus Leber: Fremd bin ich eingezogen (Film). Eberhard Schoener: Sakuntala (Ballett-Fernsehfilm mit elektronischer Musik)

1979       Stefan Hermlin: Abendlicht (Roman mit einer Paraphrase von Des Baches Wiegenlied, D 795, 20).

1980       Eva Strittmatter: „Der Wanderer“ (Essay zu Schuberts Winterreise).

1981       Mauricio Kagel: Aus Deutschland. Eine Lieder-Oper. 1977-80. Dem Andenken Heinrich Heines. Uraufführung in der Deutschen Oper Berlin, 1981. Fierabras bei der Opéra d’Hermance (Genf).

1982       Uraufführung der von Brian Newbould ergänzten (orchestrierten) Fassung der E-Dur-Symphonie (D 729). Fierabras in Augsburg. Es folgen Inszenierungen in Wien (1988) und eine Ausgrabung von Alfonso und Estrella in Graz (1991), nach einem ersten englischsprachigen Versuch in Reading 1977. Alfred Hrdlicka: Schubert-Arbeiten.

1983       Begründung der Schubertiade Wien (Gesellschaft der Musikfreunde) durch Hermann Prey mit der Konzeption, alle Werke Schuberts in teilweise chronologischer Folge aufzuführen. Wolfgang Hildesheimer: Der Tod und das Mädchen (Collage).

1985       Elmar Budde und Dietrich Fischer-Dieskau legen nach und nach eine revidierte Ausgabe der Schubert-Lieder bei C. F. Peters in Frankfurt am Main vor. Konzertante Aufführung des Opernfragments Adrast bei den Wiener Schubert-Tagen unter Helmut Froschauer.

1986       Fritz Lehner: Mit meinen heißen Tränen (Dreiteiliger Fernsehfilm mit Udo Samel, Traugott Buhre, Therese Affolter), Kinofassung Notturno (1989).

1987       Gründung des Internationalen Franz Schubert Instituts (IFSI) in Wien (Sitz im Sterbehaus). Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen erscheinen, darunter mehrere schwer zugängliche Werke im Faksimile.

1987 - 2000           Graham Johnson initiiert mit international renommierten Gesangssolisten eine Gesamteinspielung von Schuberts Liederoeuvre beim Londoner CDLabel Hyperion und übernimmt bei allen 37 Folgen den Klavierpart.

1988       Erstveröffentlichung des Graf von Gleichen als Faksimile von Schuberts handschriftlichem Entwurf, eingeleitet von Ernst Hilmar. Peter Härtling: Der Wanderer.

1989       Luciano Berio: Rendering. Aneignung und Bearbeitung der Symphonie-Fragmente D 936A. (Ursprünglich im Auftrag der Schubertiade Hohenems)

1995       Des Teufels Lustschloß: Uraufführung der Originalfassung im Opernhaus Zürich unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt.

1996       Die Ergänzung bzw. Neukomposition der letzten beiden Akte von Lazarus durch Edison Denisov wird in Stuttgart unter Helmuth Rilling uraufgeführt. Szenische Uraufführung des von Wolfgang Hocke vervollständigten Fragments von Schuberts Oper Der Graf von Gleichen im Südthüringischen Staatstheater Meiningen.

1997       Anläßlich des 200. Geburtstags werden neben zahllosen Konzertzyklen und täglichen Rundfunksendungen zu Schubert mehrere Großausstellungen in Wien, Japan und – im Rahmen der Schubertiade – im Schloß Achberg und in Lindau veranstaltet, in denen Quellen aus öffentlichem und privatem Besitz des In- und Auslandes zusammengeführt werden. Anläßlich der Wiener Festwochen werden Des Teufels Lustschloß (als Gastspiel der Zürcher Oper) und – als Neuinszenierung – Alfonso und Estrella unter Nikolaus Harnoncourt im Theater an der Wien dargeboten. Zahlreiche internationale Zusammenkünfte von Wissenschaftlern zu Schubert-Themen finden statt, und es erscheinen Handbücher, Lexika und Faksimiles wichtiger Werke. Norbert Beilharz: Rosamunde (Fernsehfilm). Petr Weigl: Die Winterreise (Fernsehfilm mit Brigitte Fassbaender).

2000       Konzertante Wiederaufführung der Rosamunde von Helmina von Chézy und Franz Schubert im Westdeutschen Rundfunk Köln in einer Fassung von Christoph Schwandt (mit Gert Westphal).

2001       Elfriede Jelinek bearbeitet und paraphrasiert Helmina von Chézys