|
1797
31.
Januar, Franz Peter Schubert geboren in der Wiener Vorstadt Lichtental als
Sohn von Franz Theodor Schubert und Elisabeth Schubert geb. Vietz.
Die Verhältnisse an einer Wiener Vorstadtschule
Nach Vater Schuberts offizieller Einstellung als Schullehrer am
Himmelpfortgrund 1786 war die Familie finanziell abgesichert. Sie konnte
im Schulhaus eine Wohnung mit Zimmer, Rauchkuchl und einem Anteil des
Dachbodens beziehen und in diesen Räumen nun als Familie allein leben.
Der Schulbesuch war in jener Zeit straff organisiert und das zu
entrichtende Schulgeld, von dem die Lehrer leben mußten, kam in erster
Linie von wohlhabenderen Eltern. Die Kinder mittelloser Eltern konnten
umsonst am Schulbesuch teilnehmen. Bei allen Kindern wurde strengstens
darauf geachtet, daß sie regelmäßig und pünktlich erschienen, und das
Nichtbefolgen dieser Auflagen wurde streng geahndet. Durch kriegsbedingte
steuerliche Einbußen dürfte es während der „Franzosenzeit“ 1808 um
die finan-ziellen Verhältnisse der Familie etwas knapper bestellt gewesen
sein, und so war es durchaus willkommen, einen der Söhne im k. k.
Stadtkonvikt versorgt zu wissen.
1801
Die
Familie übersiedelt von Schuberts Geburtshaus „Zum roten Krebsen“ in
der Vorstadt Himmelpfortgrund Nr. 72 (heute: Nußdorferstraße 54) in das
Haus „Zum schwarzen Rößl“ Himmelpfortgrund Nr. 10 (heute: Säulengasse
3).
Die ersten Berichte über Schuberts Kindheit (1823 und 1829)
„Franz Schubert ist der Sohn eines in Wien um das Schulfach sehr
verdienten geachteten u biedern Mannes, u. am Himmelpfortgrunde in der
Rossau geboren – Als Knabe entwickelte er schon die bedeutendsten
Anlagen, u. sein besondern Talent u. Eifer für den Gesang, in welchem er
spielend Fortschritte machte, verschaffte ihm das Glük, einen
Stiftungsplatz als Hofsängerknabe im kk. Konvikte zu erhalten – Hier
hatte er nun Gelegenheit sein Talent allmählig entwickeln zu können –
Unter den Hofsängerknabe[n] zeichnete er sich, zur Freude seines Meisters
– dem vielfach verdienten kk Hofkapellsänger und Herrn Korner vor Allen
aus – Von der Natur mit einer guten Stimme begabt, war ihm die
Fertigkeit [des] Treffens eine leichte Sache –“ Joseph Hüttenbrenner,
Entwurf zu einem Artikel über Schubert, 1823 (veröffentlicht 2001) „Sein
würdiger Vater, der früh ein Talent zur Musik in dem Kinde bemerkte,
unterrichtete ihn selbst auf der Violine. Sein ältester Bruder aber
unterrichtete ihn auf dem Fortepiano. Dieser Unterricht wurde in der Folge
von dem Regens-Chori an der Pfarrkirche im Lichtenthal, Michael Holzer,
fortgesetzt, und mit dem Unterrichte im Gesange verbunden. Diesem alten, würdigen
Lehrer, welcher die Freude erlebte, von seinem trefflichen Schüler eine
Messe dedicirt zu erhalten, blieb Schubert bis zu seinem Tode dankbar
ergeben.“ Joseph von Spaun, Ueber Franz Schubert (Nekrolog), 1829
Schubert im elterlichen Schulhaus
Schuberts frühe Kindheit war geprägt vom Beruf seines Vaters. Er wuchs
nicht nur in engen Wohnverhältnissen auf, wo Familien mit mehreren
Kindern sich mit lediglich zwei Wohnräumen zufriedengeben mußten, was für
damalige Verhältnisse nichts Ungewöhnliches und kein Zeichen besonderer
Armut war, sondern er lernte in früher Jugend bereits den später so
ungeliebten Schulbetrieb kennen.
1804
Eignungsprüfung
eines Knaben namens „Francesco Schubert“ durch den Hofkapellmeister
Antonio Salieri wegen einer eventuellen Ausbildung zum Sängerknaben. Möglicherweise
handelt es sich um den späteren Komponisten.
1808
Schubert
wird Hofsängerknabe, Schüler des Akademischen Gymnasiums und tritt ins
Wiener k. k. Stadtkonvikt ein. Dort begegnet er zahlreichen wichtigen späteren
Freunden wie Joseph von Spaun (1788-1865), Albert Stadler (1794-1888),
Joseph Kenner (1794-1868), Johann Chrysostomus Senn (1795-1857), Anton
Holzapfel (1792-1868) und Benedikt Randhartinger (1802-1893).
Über Schubert als Sängerknabe
„Eine schöne Stimme, und eine für sein zartes Alter seltene
musikalische Bildung verschafften dem jungen Schubert einen Platz als Sängerknabe
der k. k. Hof-Capelle, durch welche Eigenschaft er zugleich Zögling des
k. k. Convictes in der Stadt wurde. Der Dienst in der Kirche war dem
Knaben Genuß; von den trefflich ausgeführten Kirchen-Musiken in der k.
k. Hof-Capelle machten gerade jene Compositionen, die sich mehr durch
innern Gehalt und religiöse Begeisterung, als durch äußere Ausstattung
auszeichneten, den tiefsten Eindruck auf das kindliche Gemüth, das schon
die Natur auf die rechte Bahn geleitet hatte.“ Joseph von Spaun,
Ueber Franz Schubert (Nekrolog), 1829
1810
Schubert
vollendet seine erste datierte Komposition: Fantasie in G (D 1) für
Klavier zu vier Händen.
Schubert als Geiger, Klavierspieler, Dirigent und Komponist erster
Instrumentalwerke
„Der damals im kk Konvikte bestandene eigene Musikverein eiferte unsern
Tonsetzer auch besonders an, sich auf das Violin- u. Clavierspiel zu
verlegen – und bald brachte ers auch dahin daß er als Schüler der
ersten lat. Schulen in einem Alter von 12-14 Jahren die 1te Violine im
Orchester u darunter juristische Zöglinge bereits zu Männern
herangereift dirigirte – Sein Hang zur Composition äusserte sich bald
auf eine entschiedene Weise – Mit 14-15 Jahren schrieb er schon
Quartetten u Symphonien für unter […] seiner Bothmässigkeit stehenden
Mitschüler u Kollegen, welche mit allgemeinem Beyfalle aufgenohmen, u dem
jungen Tonsetzer die besondere Liebe aller verschafften –“ Joseph Hüttenbrenner,
Entwurf zu einem Artikel über Schubert, 1823 (veröffentlicht 2001)
1811
Unterricht
im Generalbaß bei Wenzel Ruzicka. Kompositionsversuche im Bereich
Symphonik und Bühnenwerke. Am 30. März entsteht das erste vollständig
erhaltene Lied, Hagars Klage (D 5). Schubert hört erstmals Opern
im Kärntnertortheater: Joseph Weigls Schweizerfamilie und Das
Waisenhaus.
1812
Tod
der Mutter. Bis 1817 Kompositions-Unterricht und Kontrapunktstudien bei
Antonio Salieri. Durch seinen Stimmwechsel verliert Schubert seinen Platz
als Sängerknabe. Komposition von Streichquartetten und Versuche zu
kleineren Kirchenwerken.
Der Unterricht beim Hofkapellmeister Antonio Salieri
„Um diese Zeit nahm ihn auch der 1t kk Hofkapellmeister Salieri auf die
Empfehlung Korners in die Schule, welcher in ihm gleich das Genie
erkannte, dessen Strahlen sich bald mit hellem Glanze in die weite
Kunstwelt verbreiten würden – Nach mehreren Studienjahren in der Schule
dieses großen Meisters gieng auch der Schüler bald als Meister des
Tonsetzens in allen Fächern hervor – Mit 18 Jahren schrieb Schubert
schon eine große Messe in F dur, die bereits in mehreren Kirchen und unlängst
in der Augustinerhofkirche aufgeführt die Bewunderung Aller im Hinblick
auf die jungen Jahre des Tonsetzers auf sich zog – Das meiste Interesse
u: Staunen erregten aber bald die Lieder des jungen Zöglings Salieris,
denn in diesem GesangsFache zeigte er sich als ein neues glänzendes
Gestirn – ein neuer Schöpfer –“ Joseph Hüttenbrenner, Entwurf
zu einem Artikel über Schubert, 1823 (veröffentlicht 2001)
Der Schüler Schubert bei schmaler Kost und wenig Geld 1812
„Gleich heraus damit, was mir am Herzen liegt, und so komme ich
eher zu meinem Zwecke, und Du wirst nicht durch liebe Umschweife lang
aufgehalten. Schon lange habe ich über meine Lage nachgedacht und
gefunden, daß sie im Ganzen genommen zwar gut sei, aber doch noch hie und
da verbessert werden könnte; Du weißt aus Erfahrung, daß man doch
manchmal eine Semmel und ein paar Aepfel essen möchte, um so mehr wenn
man nach einem mittelmäßigen Mittagsmahle, nach 8 1/2 Stunden erst ein
armseliges Nachtmahl erwarten darf. Dieser schon oft sich aufgedrungene
Wunsch stellt sich nun immer mehr ein, und ich mußte nolens volens
endlich eine Abänderung treffen. Die paar Groschen, die ich vom Vater
bekomme, sind in den ersten Tagen beim Teufel, was soll ich dann die übrige
Zeit tun?“ Franz Schubert an einen seiner Brüder, 24. November 1812
Bericht eines Schubert-Freundes über die Zustände im Wiener k. k.
Stadtkonvikt 1813
„Ich will Dir jetzt einmal, weil Du nicht schreibst meine Lage, unsere
prächtigen Unterhaltungen dieser Weihnachtsferien schildern. Denke Dir
nun lieber! einen Kreis der dümsten rohsten Menschen, die nichts als
gerne saufen und spielen, ein staubiges fast eckles Zimmer, staubige
Stiefel, Trinckgläser, Wichshäfen Hutfuterale, Stiefelhölzer, alte
Hosen, lumpige Romanen, Töpfchen, Flaschen, Bürsten, Tisch und Kästen
voll, dazu einen Wirthe mit Antipoden zum Präfeckten, der Bullenbeiser
von Direcktor, Schönberger pp gar nicht gedacht – und du wirst meine
lieblichen Umgebungen kennen.“ „Du kannst dir nicht vorstellen, wie
traurig und öde unser Convict gegen jenes in Kremsmünster ist, man kann
wahrlich sagen von den lachenden Fluren des Ideenreiches, aus Himmels
Mauern auf ein sumpfiges Land entsetzlicher Prosa versetzt zu seyn –
entsetzlich beym Eintritt, fürchterlicher bey längerem Darinseyn, da ist
kein traulich knüpfendes Band, wie dort, Interesse und Neid blickt aus
der kleinsten Handlung – man glaubt anfangs kaum, das Leben hier
ertragen zu können.“ Franz von Schlechta an Franz von Schober über
das Wiener Stadtkonvikt, 1813
1813
Der
Vater heiratet in zweiter Ehe Anna Kleyenböck (1783-1860).
Schubert verläßt das Stadtkonvikt, beginnt eine Lehrerausbildung an der
k. k. Normalhauptschule St. Anna, begegnet Theodor Körner kurz vor dessen
Abreise aus Wien in die „Freiheitskriege“ und hört Anna Pauline
Milder-Hauptmann sowie Johann Michael Vogl in Iphigenie auf Tauris von
Gluck.
Werke: Erste Symphonie (D 82), Beginn
der ersten Fassung der Oper Des Teufels Lustschloß (D 84) nach
August von Kotzebue
1814
Abschlußprüfung
an der Normalhauptschule, dann Gehilfe an der Schule des Vaters (1814-1816
und 1817-1818). Erste Begegnung mit Johann Mayrhofer (1787-1836). Schubert
verliebt sich – unerwidert – in Therese Grob (1798-1875), berichtet
darüber 1815 in einem (verlorenen) Brief an Anton Holzapfel (1792-1868),
der ihn aber von dieser Neigung abzubringen sucht und sich später
erinnert, Therese sei „durchaus keine Schönheit“ aber mit einer schönen
Sopranstimme begabt gewesen. Uraufführung der Messe in F (D 105)
am 25. September 1814, anläßlich der Hundertjahrfeier zur Errichtung der
Lichtenthaler Pfarrkirche und eine Wiederholung am Namenstag des Kaisers,
dem 4. Oktober, in der Augustiner Hofkirche. Das Sopransolo sang
wahrscheinlich beide Male Therese Grob.
Werke: Zweite Fassung der Oper Des Teufels
Lustschloß (D 84) nach August von Kotzebue, Gretchen am Spinnrade (D
118), Messe in F-Dur (D 105)
Die erste Begegnung Schuberts mit Johann Mayrhofer (1787-1836)
„Mein Verhältnis mit Franz Schubert wurde dadurch eingeleitet, daß ihm
ein Jugendfreund mein Gedicht Am See […] zur Komposition übergab. An
des Freundes Hand betrat 1814 Schubert das Zimmer, welches wir 5 Jahre später
gemeinsam bewohnen sollten. Es befindet sich in der Wipplingerstraße.
Haus und Zimmer haben die Macht der Zeit gefühlt: die Decke ziemlich
gesenkt, das Licht von einem großen, gegenüberstehenden Gebäude beschränkt,
ein überspieltes Klavier, eine schmale Bücherstelle; so war der Raum
beschaffen, welcher mit den darin zugebrachten Stunden meiner Erinnerung
nicht entschwinden wird.“ Johann Mayrhofer über Schubert, Anfang
1829 Schubert verdankt Mayrhofer nicht nur die 47 Lied-Texte und zwei
Singspiel-Libretti, die dieser für ihn verfaßte. Mayrhofer ist nach
Goethe und Schiller und noch vor Wilhelm Müller der meistvertonte Dichter
Schuberts, ihre Freundschaft inspirierte sie gegenseitig. Mayrhofer gab
Joseph von Spaun zu verstehen, „er finde sein Leben durch die herrlichen
Lieder Schuberts verschönert und seine eigenen Gedichte gefallen ihm
erst, wenn sie Schubert in Musik gesetzt habe.“ In seinem Nachlaß
fanden sich noch zwei Verse, die Mayrhofers Auffassung der gegenseitigen
Befruchtung treffend wiedergeben: „Du bist mir an das Herz gedrungen,
Was ich gefühlt, hast Du gesungen.“
Kommentare zur Produktivität Schuberts in den Jahren 1813 bis 1815
„Allein nicht nur unzählige Lieder, welche alle ohne Ausnahme
sich bereits durch originelle Behandlung, Tiefe der Empfindung, und einen
unbeschreiblichen Reichthum an Melodie auszeichnen, sondern auch einige größere
Compositionen gehören der ersten, so ungemein fruchtbaren Periode
Schubert’s an. Eine große, sehr melodische Symphonie componirte er
bereits im Jahre 1813, eine vollständige Messe, die von ihm selbst in der
Pfarrkirche im Lichtenthal dirigirt wurde, im Jahre 1814, im Jahre 1815
entstanden abermahl zwey Symphonien, und aus derselben Zeit stammen die
Operetten, der Spiegelritter, des Teufels Lustschloß und Claudine von
Villabella“, so wie manche Cantaten, zu denen er sich gelegenheitlich
aufgefordert fand, und Quartette für Streich-Instrumente, in denen er
sich nebenher versuchte.“ Joseph von Spaun, Ueber Franz Schubert
(Nekrolog), 1829
1815
Wiener
Kongreß. Erste Begegnung mit Anselm Hüttenbrenner (1794-1868), Franz von
Schober (1796-1882), Joseph Gahy (1793-1864), Joseph Wilhelm Witteczek
(1787-1859) und Karl von Enderes (1788-1860). Schubert schreibt etwa
hundertfünfzig Lieder, also ein Viertel seines OEuvres auf diesem Gebiet,
darunter zahlreiche nach Gedichten von Goethe und Balladen von Schiller
sowie auch eine Liedgruppe nach Texten von Ludwig Theobul Kosegarten,
einer der ersten umfangreichen Lieder-zyklen, noch vor Beethovens An
die ferne Geliebte.
Werke: Mehrere kleine Kirchenwerke und Messe in
G (D 167), Lieder nach Ossian, Symphonie Nr. 3 in D-Dur, 14
Lieder nach Gedichten von Theodor Körner und Der vierjährige Posten (D
190), Fernando nach Anton Stadler (D 220), Claudine von Villa
Bella nach Goethe (D 239), Erlkönig (D 328)
1816
Erfolglose
Bewerbung um die Musiklehrerstelle in Laibach (heute: Ljubljana in
Slowenien). Zusammenstellung der Liederhefte für Goethe (an diesen mit
Begleitbrief Joseph von Spauns gesandt) und für Heinrich Grob, Thereses
Bruder. Schubert wohnt mit Spaun bei Heinrich Watteroth in der Vorstadt
Landstraße, dort findet die Uraufführung der ersten bezahlten
Auftragskomposition statt, der Kantate Prometheus (D 451). Erste überlieferte
Tagebuchaufzeichnungen, die sowohl alltägliche Ereignisse als auch
Reflexionen festhalten. Aufführung der 2. Symphonie (D 125) durch
ein privates Orchester. Schubert wohnt vom Herbst 1816 bis Sommer 1817 bei
Franz von Schober. Es entstehen mehr als hundert Lieder.
Werke: Symphonie Nr. 4 in c-Moll „Die
Tragische“ (D
417), Prometheus-Kantate (D 451, verschollen), Der Wanderer nach
Schmidt von Lübeck (D 489)
Schuberts Tagebuchnotizen über Mozart, Goethe und Schiller
„13. Juny 1816. Ein heller, lichter, schöner Tag wird dieser
durch mein ganzes Leben bleiben. Wie von ferne leise hallen mir noch die
Zaubertöne von Mozarts Musik. Wie unglaublich kräftig u. wieder so sanft
ward’s durch Schlesingers meisterhaftes Spiel ins Herz tief, tief
eingedrückt. So bleiben uns diese schönen Abdrücke in der Seele, welche
keine Zeit, keine Umstände verwischen, u. wohlthätig auf unser Daseyn
wirken. Sie zeigen uns in den Finsternissen dieses Lebens eine lichte,
helle, schöne Ferne, worauf wir mit Zuversicht hoffen. O Mozart,
unsterblicher Mozart, wie viele, o wie unendlich viele solche wohlthätige
Abdrücke eines lichtern bessern Lebens hast du in unsere Seelen geprägt!
– Dieses Quintett ist, so zu sagen, ein’s seiner größten kleinern
Werke. – Auch ich mußte mich produciren bey dieser Gelegenheit. Ich
spielte Variationen von Beethoven, sang Göthe’s rastlose Liebe u.
Schillers Amalia. Ungetheilter Beyfall ward jenem, diesem minderer. Obwohl
ich selbst meine rastlose Liebe für gelungener halte als Amalia, so kann
man doch nicht läugnen, dß Göthe’s mus[ik]alisches Dichter-Genie viel
zum Beyfall wirkte.“ Franz Schubert, Tagebuch, Juni 1816.
1816/17 Wilhelm
Müller konzipiert die Lied-Novelle Die schöne Müllerin: Aufgrund
einer Art Gesellschaftsspiel für die Gäste von Hedwig Staegemann in
Berlin schreibt Wilhelm Müller einen Zyklus von 23 Gedichten, der von
einem Prolog und Epilog gerahmt ist.
1817
Erste
persönliche Begegnung Schuberts mit Johann Michael Vogl. Erste Erwähnung
des Komponisten in einem Periodikum (Huldigungsgedicht). Die von Schuberts
oberösterreichischem Freundeskreis um Anton von Spaun und Anton Ottenwalt
herausgegebenen Beyträge zur Bildung für Jünglinge erscheinen.
Schubert ist wahrscheinlich „eines der tätigsten Mitglieder“ der
Unsinnsgesellschaft um den Schauspieler Eduard Anschütz und die
Kupelwieser-Brüder (bis einschließlich 1818). Bei der Darstellung eines
dicken Mannes im Archiv des menschlichen Unsinns mag es sich um eine erste
Schubert-Karikatur, aquarelliert von Leopold Kupelwieser, handeln.
Bekanntschaft mit Joseph Hüttenbrenner. Es entstehen etwa 60 Lieder.
Werke: Der Tod und das Mädchen (D
531), Ganymed (D 544), An die Musik (D 547), Die Forelle (D
550), Klaviersonaten, Arbeitsbeginn an der 6. Symphonie (D 589).
Eine kongeniale Künstlergemeinschaft: Schubert und sein erster
bedeutenderLiedinterpret Johann Michael Vogl
„Bey der ersten Zusammenkunft war Schubert nicht ohne Befangenheit. Er
legte zuerst das so eben in Musik gesetzte Gedicht von Maierhofer:
„Augen-Lied“, zur Beurtheilung vor. Vogl, aus diesem Liede sogleich
Schubert’s Talent erkennend, prüfte mit steigendem Interesse eine Reihe
anderer Lieder, die ihm der durch solchen Beyfall höchst erfreute junge
Tonsetzer mittheilte. Nach wenigen Wochen schon trug Vogl Schubert’s
„Wanderer“, den „Kampf“, „Erlkönig“ und andere einem kleinen,
aber entzückten Kreise vor, daß des Sängers Begeisterung das vollgültigste
Zeugniß für den Tonsetzer war. […] Vogl öffnete in wohlmeinendem
Rathe dem jungen Freunde den reichen Schatz seiner Erfahrungen, sorgte väterlich
für die Befriedigung seiner Bedürfnisse, wozu Schubert’s Einkommen in
der früheren Zeit nicht hinreichend war, und bahnte ihm durch den
herrlichen Vortrag seiner Lieder den Weg zum Ruhme, den er so glänzend
erreichte.“ Joseph von Spaun, Ueber Franz Schubert (Nekrolog), 1829
1818
Uraufführung
der 6. Symphonie durch das Orchester von Otto Hatwig sowie der
beiden Ouvertüren im „Italienischen Stil“. Erlafsee (D 586)
erscheint als erstes Lied Schuberts im Druck. Vergebliche Bewerbung um die
„ausübende“ Mitgliedschaft in der Gesellschaft der Musikfreunde, dort
erst später aufgenommen, später auch Mitglied ihres Repräsentantenkörpers.
Umzug der Familie Schubert in die Vorstadt Rossau. Sommer- und
Herbst-Aufenthalt im ungarischen Zséliz als Musiklehrer bei der Familie
Esterházy. Begegnet dort erstmals der Komtesse Caroline und Carl von Schönstein.
Schubert zieht zu Johann Mayrhofer.
Werke: Kleine Symphonie in C-Dur (D 589), Einsamkeit (D
620)
Schubert als Musiklehrer der Komtessen Esterházy in Zséliz
Die Familie des Grafen Johann Carl Esterházy, die des Winters in Wien
wohnte, fuhr alljährlich zur Sommerzeit für einige Monate auf ihr
ungarisches Landgut mit dem kleinen Schlößchen Zséliz. Mit von der
Partie war stets eine ganze Reihe Gesellschafter und Bedienter der
Familie. Unter diesen hatte im Jahr 1818 auch ein junger Musiker erstmals
Gelegenheit, die Heimatstadt zu verlassen und etwas zu verdienen, allein
im Juli bereits 200 Gulden: Schubert konnte sich von der lästigen Fron
des Lehrerberufs in der väterlichen Schule lossagen und beantragte einen
Paß für den fünfmonatigen Aufenthalt als „Musikmeister bei Joh.
Esterhazzy” bei den „Schnauzbartlern”, wie die Ungarn damals
bezeichnet wurden. An die Familie des Grafen war Schubert durch den
Schriftsteller und Gesangsdilettanten Johann Carl Unger empfohlen worden,
und er dürfte in der gräflichen Familie schon in Wien verkehrt und die
Jahre hindurch auch weiter recht kontinuierlich die Kontakte gepflegt
haben.
1819
Ermordung
des Dichters August von Kotzebue durch den Burschenschaftler Karl Ludwig
Sand. Daraufhin restriktive Maßnahmen zu einer restaurativen Politik
aufgrund der Karlsbader Beschlüsse (Beschlüsse zur Zensur, Verbot
burschenschaftlicher Organisationen an Universitäten). Erste Begegnung
Schuberts mit Moritz von Schwind sowie vermutlich Joseph Ludwig
Streinsberg und Franz von Bruchmann. Gemeinsam mit Vogl Reise nach Steyr,
Linz und Kremsmünster. Aufführung der Kantate Prometheus (D 451)
in einer „Musikalischen Übung“ bei Ignaz Sonnleithner. Erste öffentliche
Darbietung eines Schubert-Liedes, Schäfers Klagelied (D 121),
durch Franz Jäger.
Werke: Adrast (D 137,
Opernfragment nach Mayrhofer), Lieder aus Friedrich Schlegels
Gedicht-Zyklus Abendröte (weitere bis 1823), Hymnen nach
Texten von Novalis, Sonette nach Petrarca (D 628-630), Forellenquintett
(D 667)
Schuberts Kontakte und Reisen nach Linz
Wegen seiner Freundschaft zu zahlreichen Oberösterreichern, insbesondere
den Familien Spaun, Ottenwalt und Kenner, besuchte Schubert mehrfach die
Stadt Linz, zuerst 1819 und dann noch einmal 1823 und 1825 gemeinsam mit
Johann Michael Vogl. Als Schuberts enger Freund Joseph von Spaun während
seines letzten Besuchs von Linz (1825) abwesend war und der Komponist bei
Spauns Schwager Ottenwalt wohnen mußte, witzelte er in einem Brief, er
sei „gegen das übrige Linztum“ ungerecht, aber die Stadt sei ohne
Spaun „wie eine Suppe ohne Salz“.
1820
Verhaftung
von Johann Senn in Gegenwart von Bruchmann und Schubert.
Therese Grob heiratet Johann Bergmann. Schubert dirigiert am Ostersonntag
Haydns Nelson-Messe in der Altlerchenfelder Kirche. Im Sommer ist
Schubert erstmals in Atzenbrugg. Uraufführung des Singspiels „Die
Zwillingsbrüder“ (D 647) im Kärntnertortheater und des Melodrams „Die
Zauberharfe“ (D 644) im Theater an der Wien.
Werke: Lazarus (D 689), Streichquartettsatz
in c-Moll (D 703), Der zürnenden Diana (D 707)
Sommer 1820 – der erste und letzte Versuch mit der Gattung
Melodram:
Die Zauberharfe
Zauberspiel mit Musik in 3 Akten von Franz Schubert (D 644). Uraufführung
am 19. August 1820 im Theater an der Wien. Wie bei Helmina von Chézys
Drama Rosamunde, unter dessen Titel die Ouvertüre zur Zauberharfe
heute bekannt ist, treten in dem Melodram neben dem Tenor Palmerin nur
Schauspieler und Chor auf. Wie groß der Anteil des gesprochenen Textes
war, kann wegen dessen fragmentarischer Überlieferung nicht mehr
festgestellt werden, er stammt wohl von Georg von Hofmann, der möglicherweise
Ideen aus Schuberts Freundeskreis aufgriff. Als Benefizstück für
Ausstatter und Maschinisten konzipiert, lagen in deren Metier die
Haupteffekte. Schubert läßt sich hier – ganz auf den Spuren der
spezifischen Wiener Variante des französischen „Mélodram“ Ignaz von
Seyfrieds – darauf ein, große, gleichsam symphonisch-rhapsodische
Orchestersätze zu gestalten, die die mutmaßlich expressivsten Dialoge
und Monologe des Zauberspiels musikalisch ausdeuten. Das Werk
unterscheidet sich grundlegend von der kurz zuvor im Kärnt-nertortheater
gegebenen „Posse mit Gesang“ Die Zwillingsbrüder. Eine Kritik
der Theaterzeitung resümiert über die Zauberharfen-Musik: „Viele gute
Gedanken, kräftige Stellen, sinnreich geführte harmonische Sätze,
Einsicht und Verstand; aber Ungleichheiten die Menge, das Gewöhnliche
neben dem Besonderen, Leich-tes und Gesuchtes, Haltbares und Tändelhaftes
durch einander, und man kann, trotz dem Besseren, nicht umhin, das Ganze für
ein Werk der Eilfertigkeit zu halten, die jedoch hier keinen Tadel
verdient, nur wäre dem talentvollen Tonsetzer für die Zukunft ein
besserer Stoff und Bedächtlichkeit in vollem Maß zu wünschen.“
Die Verhaftung von Schuberts Freund Senn
Ab etwa 1818 avancierte Johann Chrysostomus Senn, der Sohn eines Tiroler
Freiheitskämpfers, mehr und mehr zum geistigen Zentrum von Schuberts
Freundeskreis. Die Philosophie-Pflege dieser Runde galt den idealistischen
Denkern, erst Fichte, dann vor allem Schelling, aber auch Hegel. Zu
Schelling gibt es eine direkte Verbindung durch Bruchmann, der
polizeilichen Verboten zum Trotz nach Erlangen reiste, um Schelling zu hören
und ihn dort kennenzulernen. 1820 kam es zu einer Schriften-Visitation in
Senns Wohnung. Er hatte sich durch eine burschenschaftliche
Wirtshausrunde, der auch sein Zögling Anton Doblhoff-Dier angehörte, der
nach der 1848er-Revolution noch Minister werden sollte, verdächtig
gemacht. Senn hatte laut Polizeibericht dabei gesagt: „die Regierung sey
zu dumm, um in seine Geheimnisse eindringen zu können.“ Schubert und
Bruchmann, die dabei waren und mit Insultationen gegen die Polizei nicht
sparten, sind dafür gründlich verwarnt worden. Senn allerdings wurde in
Untersuchungshaft genommen – und zwar über ein Jahr. Dann wurde er, da
ihm nichts Ernstliches nachgewiesen werden konnte – außer daß er
„ein Genie“ war, wie in den Polizeiakten vermerkt wurde –, in seine
Heimat Tirol abgeschoben, womit seine Karriere-Chancen zerstört waren.
1821
Erste
öffentliche Darbietungen des Erlkönig durch August von Gymnich
und dann durch Johann Michael Vogl. Publikation der Ballade als op. 1.
Schubert übernimmt die Korrepetition und Einstudierung für Caroline
Ungers Debut am Kärntnertortheater. Schubert zieht von Mayrhofer fort und
wohnt erstmals allein. Im Herbst Aufenthalt in St. Pölten mit Schober,
dort erste Schubertiaden, schließlich zieht er auch in Wien zu Schober.
Entstehung der Oper Alfonso und Estrella (D 732) nach Schobers
Libretto. Spaun zieht nach Linz, Bruchmann studiert gegen polizeiliche
Verordnung in Erlangen bei Schelling.
Werke: Gesang der Geister über den Wassern (D
714), Suleika I und II (D 720 und 717) Symphonie in E-Dur (D
729, Fragment), Alfonso und Estrella(D 732)
1822
Schubert
plant eine „ordentliche Sammlung“ bzw. systematische Herausgabe von
Liederheften, schreibt seine allegorische Erzählung Mein Traum und
führt die Niederschrift einer Symphonie aus. Erster ausführlicher
Bericht über Schuberts Lieder in einer Zeitschrift. Begegnungen mit Carl
Maria von Weber und Beethoven sind dokumentiert. Rossini kommt nach Wien.
Vogl wird als Hofopernsänger pensioniert. Bruchmann besucht den
verbannten Senn in Innsbruck. Schober begründet seine Literaturabende,
die „Lesegesellschaft“.
Werke: Messe in As-Dur (D
678), Heliopolis I und II (D 753 und D 754), die Kantate Am
Geburtstage des Kaisers (D 748), Symphonie in h-Moll („Unvollendete“
D 759), Gott in der Natur (D 757), Wandererfantasie (D 760)
1823
Schubert
wohnt mit Joseph Huber an der Stubentorbastei. Erste Erwähnung der
Erkrankung an Syphilis, Therapien im Wiener Allgemeinen Krankenhaus und
durch Dr. Jakob Bernhard. Trennung von dem Verleger Cappi&Diabelli.
Erste Begegnung mit dem Komponisten Franz Lachner. Ehrenmitgliedschaft im
Steyermärkischen Musikverein auf Vorschlag von Johann Baptist Jenger und
im Linzer Musikverein auf Betreiben seiner oberösterreichischen Freunde.
Zweimalige Aufführung der Schauspielmusik zu Rosamunde von Helmina
von Chézy im Theater an der Wien. Schober verläßt Wien für fast zwei
Jahre und geht unter dem Pseudonym „Torupson“ als Schauspieler nach
Breslau. Kupelwieser verreist zur selben Zeit als Begleiter des Russen
Alexandr Beresin nach Italien.
Werke: Die Verschworenen (D
787), Fierabras (D 796), Die schöne Müllerin (D 795), Gesänge
aus Wilhelm Meister op. 62, Lieder nach Johann Gabriel Seidl op. 80, Rosamunde
(D 797).
Schubert und Vogl bei einem Auftritt in Salzburg
„Vogl sang einige Lieder von mir, worauf wir für den folgenden Abend
geladen und gebeten wurden, unsere sieben Sachen vor einem auserwählten
Kreise zu produciren, die denn auch unter besonderer Begünstigung des
schon in meinem ersten Briefe erwähnten Ave Maria’s Allen sehr zu Gemüthe
gingen. Die Art und Weise, wie Vogl singt und ich accompagnire, wie wir in
einem solchen Augenblick Eins zu sein scheinen, ist diesen Leuten etwas
ganz Neues, Unerhörtes.“ Schubert an seinen Bruder Ferdinand am 12.
September 1825
Belege für Selbstzweifel und eine Schaffenskrise in bisher
erfolgreichen Gattungen um 1823
„Sie wissen selbst, wie es mit der Aufnahme der spätern Quartetten
stand; die Leute haben es genug. Es könnte mir freylich vielleicht
gelingen, eine neue Form zu erfinden, doch kann man auf so etwas nicht
sicher rechnen. [Sie werden] wohl selbst gestehen müssen, dß ich mit
Sicherheit vorwärts gehen muß, u. keineswegs mich der so ehrenvollen
Aufforderung unterziehen kann [...].“ Schubert über seine
Vokalquartette an Leopold Sonnleithner, Januar 1823 (?) „Da ich fürs
ganze Orchester eigentlich nichts besitze, welches ich mit ruhigen
Gewissen in die Welt hinaus schicken könnte, und so viele Stücke von großen
Meistern vorhanden sind, z. B. von Beethoven: Ouverture aus Prometheus,
Egmont, Coriolan etc. etc. etc. so muß ich Sie recht herzlich um
Verzeihung bitten, Ihnen bey dieser Gelegenheit – nicht dienen zu können,
indem es mir nachtheilig seyn müßte mit etwas Mittelmäßigem
aufzutreten.“ Schubert an Joseph Peitl, undatiert (1823?)
Zeitgenössische Vergleiche mit anderen Größen der
Musikgeschichte
Während eine Reihe von besonnenen Freunden wie Mayrhofer, Spaun und
Sonnleithner eher zurückhaltend waren mit ihrem Urteil über seine
Leistungen, fand Schubert auch eine ganze Reihe von enthusiastischen
Apologeten aus dem unmittelbaren Freundeskreis. Franz von Schober etwa
schreibt an Joseph von Spaun am 4. November 1821: „Ich hätte nur
gewunschen du wärest da gewesen u[nd] hättest die herrlichen Melodien
entstehen hören, es ist wunderbar wie reich u[nd] blühend er wieder
Gedanken hingegossen hat.“ Und 1823 schwärmt Joseph Hüttenbrenner über
Schuberts Leistungen in allen Musikgattungen, weiß eine ganze Reihe von
Werken aufzuzählen und wagt den damals kühnen Vergleich mit Mozart und
Beethoven. Dann fährt er fort: „Indeß sind dieß noch unbedeutende
Leistungen gegen diejenigen Werke welche Schubert bereits geschrieben u[nd]
die ungekannt noch im Kasten liegen – Schubert schrieb bereits“ Bevor
nun aber ein Werkverzeichnis vorgelegt wird, bricht seine Hymne
unversehens ab. Auch Helmina von Chézy bediente sich am 4. Februar 1824
des Vergleichs mit Mozart: „es blüht uns in diesem herrlichen jungen Künstler
die Hoffnung zu einem zweyten Mozart; auch ist er hier unendlich geschätzt
und beliebt.“
1824
Nach
Absage der Einstudierung der Oper Alfonso und Estrella in den
vergangenen Jahren löst die Direktion der Hofoper auch das Versprechen
einer Aufführung ihrer Auftragswerke Die Verschworenen und Fierabras
nicht ein. Fortwährende Krisen im Freundeskreis und in der
Lesegesellschaft. Erstaufführung des a-Moll-Streichquartetts (D
804) durch Ignaz Schuppanzigh. Schubert-Lieder erklingen erstmals öffentlich
im fremdsprachigen Ausland, in Amsterdam. Im Sommer und Herbst zweiter
Aufenthalt in Zséliz. Dort vielleicht nähere Kontakte zu seiner Schülerin
Komtesse Caroline Esterházy. Beginn eines kurzen Briefwechsels mit Anna
Milder in Berlin, die sich für Schuberts Werke einsetzen soll. Werke: Oktett
(D 803), Auflösung (D 807), Streichquartett a-moll (D
804), Streichquartett d-moll „Der Tod und das Mädchen“ (D
810), Grand Duo (D 812), Divertissement à l’hongroise (D818),
Arpeggione-Sonate (D 821).
Schuberts zweites Notizbuch
„Meine Erzeugnisse sind durch den Verstand für Musik und durch meinen
Schmerz vorhanden; jene, welche der Schmerz allein erzeugt hat, scheinen
am wenigsten die Welt zu erfreuen.“„O Phantasie! du höchstes Kleinod
des Menschen, du unerschöpflicher Quell, aus dem sowohl Künstler als
Gelehrte trinken! O bleibe noch bey uns, wenn auch von Wenigen nur
anerkannt und verehrt, um uns vor jener sogenannten Aufklärung, jenem häßlichen
Gerippe ohne Fleisch und Blut, zu bewahren!“ Franz Schubert,
Notizbuch März 1824
„den Weg zur großen Sinfonie bahnen“
Da sich Schubert in einem depressiven, aber doch von großen Plänen
zeugenden Brief an Leopold Kupelwieser vom März 1824 auch darüber ausläßt,
was er zu dieser Zeit konzipierte und projektierte, sind wir davon
unterrichtet, daß er sich erneut der Symphonik zuwenden wollte: „In
Liedern habe ich wenig Neues gemacht, dagegen versuchte ich mich in
mehreren Instrumental-Sachen, denn ich componirte 2 Quartetten für
Violinen, Viola u. Violoncelle u. ein Octett, u. will noch ein Quartetto
schreiben, überhaupt will ich mir auf diese Art den Weg zur großen
Sinfonie bahnen.“ Und Kupelwieser erfuhr dies zum wiederholten Male aus
einem Brief Schwinds acht Wochen später, in dem es konkret heißt,
Schubert habe „sich vorgenommen eine Symphonie zu schreiben.“ Unter
den Klavierwerken war immerhin ein großdimensioniertes vierhändiges, das
wiederum Spekulationen Nahrung bot, ob es sich hier nicht auch um einen
Symphonie-Entwurf handle, das sogenannte „Grand Duo” (D 812). Auch
wenn diese Klaviersonate ausdrücklich als solche im Autograph bezeichnet
ist und zahlreiche Charakteristika aufweist, die sie als unmittelbar für
das Klavier konzipiert auszeichnen, legte Joseph Joachim später eine
Orchesterbearbeitung davon vor.
Ideen zu einem Konzert mit reinem Schubert-Programm
Über das spektakuläre Konzert, das Beethoven plante, äußerte sich
Schubert gegenüber Kupelwieser in Rom schon im Vorfeld: „Das Neueste in
Wien ist, d[a]ß Beethoven ein Concert gi[bt,] in welchem er seine neue
Sinfonie, 3 Stücke aus der neuen Messe, u. eine neue Ouverture produciren
läßt. – Wenn Gott will, so bin auch ich gesonnen, künftiges Jahr ein
ähnliches Concert zu geben.“ Die Idee zu einem eigenen öffentlichen
Konzert mit ausschließlich Schubertschen Kompositionen stammte ursprünglich
gar nicht von ihm selbst. So wie er durch Leopold Sonnleithner und Joseph
Hüttenbrenner dazu gebracht wurde, Liederhefte im Stich herauszugeben,
war es hier ein anderer Freund, der die Anregung gab, ein solches Konzert
zu veranstalten, Schuberts Arzt Dr. Jakob Bernhard: „Schubert […] ist
sehr viel bey Vogel und Leidesdorf. Der verzwickte Doctor geht auch viel
mit ihm. Jetzt denkt er (Doctor) auf eine musikalische Academie oder öffentliche
Schubertiad. Wenn was zu Stande komt so schreib ich dirs.“ (Moritz von
Schwind an Franz von Schober am 22. Dezember 1823) Daß Beethovens Konzert
Schubert außerordentlich beeindruckte, liegt auf der Hand, doch gibt es
nur aus seinem Freundeskreis schriftliche Reaktionen darüber,
insbesondere den bildenden Künstlern Dietrich und Rieder: „Vor kurzem
hatten wir einen Hochgenuß, nämlich Beethoven gab eine große
mus[ikalische] Akademie, worin er seine letzten Werke aufführen ließ,
das ist eine große Ouverture, aus seiner neuen Messe das Kyrie, das Credo
und Agnus Dei, dann eine göttliche Symphonie, wovon der Schluß das Lied
an die Freude v[on] Schiller, machte; wir haben noch keinen schöneren
Abend im Theater verlebt das Haus war voll bis auf die Logen, Beethoven
ist mit Enthusiasmus und Jubel empfangen worden, wie ich es noch nie gehört
habe, er hat selbst dirigiert, ganz göttlich war es anzusehen wie er mit
Ausdruck und Empfindung alles belebte, im Orchester waren die ersten Künstler
von Wien die mit ungeheurer Theilnahme und Eifer mitwirckten.“ (Anton
Dietrich an Leopold Kupelwieser in Rom, 14. Juni 1824) Und Schuberts Porträtist
Wilhelm August Rieder setzte hinzu: „gelt in Rom kann man so was auch
nicht haben???“
1825
Beginn
wöchentlicher Schubertiaden bei Karl von Enderes und Joseph Wilhelm
Witteczek. Persönliche Begegnung und Freundschaft mit Eduard von
Bauernfeld, in dessen Tagebuch zahlreiche wichtige Informationen zu
Schuberts Leben niedergeschrieben sind. Schubert zieht ins Fruhwirthhaus
links neben der Karlskirche. Anna Milder und Carl Adam Bader singen mit außerordentlichem
Erfolg Schubert-Lieder in Berlin (Die Forelle, Erlkönig und Suleika).
Dort erscheinen erste Raubdrucke der Forelle und in Neapel die Air
russe (1827 in Amsterdam und Paris erste Lieder und Klavierwerke).
Schubert sendet Goethe das diesem gewidmete Liederheft op. 19. Wilhelm
August Rieder porträtiert Schubert. Reise mit Johann Michael Vogl nach
Oberösterreich und Salzburg. In Gmunden Arbeit an einer Symphonie (später
ausgearbeitet zur „Großen C-Dur-Symphonie“). Begegnung mit
Ferdinand Traweger und Anton Ottenwalt. Spaun zieht bis zum April 1826
nach Lemberg, Johann Baptist Jenger (1797-1856) kommt aus Graz nach Wien.
Anton Ottenwalt besucht Schubert und die Freunde in Wien.
Werke:
Lieder nach Gedichten aus Walter Scotts Lady of the Lake,
darunter Ave Maria (D 839), Klaviersonaten C-Dur und a-Moll
(D 840 und D 845), Das Heimweh und Die Allmacht (D 851
und D 852), erste Arbeiten an der Großen C-Dur-Symphonie (D 944)
Schubert schildert seine Reiseeindrücke
Die vermutlich längste und weiteste Reise, die Schubert je unternahm,
zeitigte eine ganze Reihe von Ergebnissen für Schuberts Persönlichkeit
und seine Entwicklung als Komponist. Vielleicht haben wir es nur der
„Aufforderung” seines Bruders Ferdinand zu verdanken, daß Schubert
sich im September 1825 daran machte, einen langen Brief mit der
Schilderung seiner Sommerreise aufzusetzen. Schubert nicht als
„Wanderer” im Sinne Schmidt von Lübecks, sondern als Wandernder und
genauer Beobachter beschreibt etwa seinen Eindruck der Gebirge um
Salzburg: „Die Berge steigen immer mehr in die Höhe, besonders ragt der
fabelhafte Untersberg wie zauberhaft aus den übrigen hervor. [...] Die
Sonne verdunkelt sich und die schweren Wolken ziehen über die schwarzen
Berge wie Nebelgeister dahin; doch berühren sie den Scheitel des
Untersberges nicht, sie schleichen an ihm vorüber, als fürchteten sie
seinen grauenvollen Inhalt. Das weite Thal, welches mit weiten Schlössern,
Kirchen und Bauernhöfen wie angesäet ist wird dem entzückten Auge immer
sichtbarer. Thürme und Paläste zeigen sich nach und nach; man fährt
endlich an dem Kapuzinerberge vorbei, dessen ungeheure Felswand hart an
der Straße senkrecht in die Höhe ragt und fürchterlich auf den Wanderer
herabblickt. Der Untersberg mit seinem Gefolge wird riesenhaft, ihre Größe
will uns fast erdrücken.“
Schuberts Gedanken über Frömmigkeit und Andacht in seinen
Kompositionen
„Besonders machten meine neuen Lieder, aus Walter Scott’s Fräulein
vom See, sehr viel Glück. Auch wunderte man sich sehr über meine Frömmigkeit,
die ich in einer Hymne an die heil. Jungfrau augedrückt habe, und, wie es
scheint, alle Gemüther ergreift und zur Andacht stimmt. Ich glaube, das
kommt daher, weil ich mich zur Andacht nie forcire, und, außer wenn ich
von ihr unwillkürlich übermannt werde, nie dergleichen Hymnen oder
Gebethe componire, dann ist sie aber auch gewöhnlich die rechte und wahre
Andacht.“ Schubert an seinen Vater und die Stiefmutter, 25. Juli 1825
1826
Schubert
wohnt mit Moritz von Schwind bei Franz von Schober im Wiener Vorort Währing,
dann bei ihm in der Stadt, dann allein auf der Bastei beim Karolinentor.
Große Schubertiade bei Joseph von Spaun. Schubert bewirbt sich beim
Kaiser vergeblich um die Stellung eines Vize-Hofkapellmeisters am Kärntnertortheater.
Erfolglose Bemühungen um Geschäftsabschlüsse mit deutschen Verlegern.
Bekanntschaft mit den Linzer Brüdern Fritz (1805-1850) und Franz von
Hartmann (1808-1895), die in Wien studieren und in ihren Tagebüchern die
Unternehmungen des Schubert-Kreises protokollieren, insbesondere auch die
Gegenstände der Lektüre in der „Lese-Gesellschaft“. Auch in Sophie Müllers
(1803-1830) Tagebuch finden sich Einträge über Begegnungen mit Schubert.
Werke: Deutsche Messe auf
die Dichtung von Johann Philipp Neumann (D 872), Streichquartett in
G-Dur (D 887), Klaviersonate in G-Dur (D 894), Rondo
brillant (D 895), drei Lieder nach Texten von Shakespeare
1827
Beethoven
stirbt im März. Wahl zum Mitglied des Repräsentantenkörpers der
Gesellschaft der Musikfreunde. Schubert wohnt (bis August 1828) bei Franz
von Schober. Im September mit Johann Baptist Jenger erstmals Reise nach
Graz zur Familie Karl, Marie und Faust Pachler, dort Wiederbegegnung mit
Anselm Hüttenbrenner. Erstaufführung des Oktetts (D 803) und des Klaviertrios
in B-Dur (D 898) durch Ignaz Schuppanzigh.
Werke:
Winterreise nach Gedichten von Wilhelm Müller (D 911), Der
Graf von Gleichen nach dem Libretto von Eduard von Bauernfeld,
Opernfragment (D 918), Ständchen von Franz Grillparzer (D 920) für
Anna Fröhlich und ihre Schülerinnen, vierhändiger Marsch für den achtjährigen
Faust Pachler (D 928) Klaviertrio in B-Dur und Es-Dur (D 898
und D 929), Der Hochzeitsbraten (D 930), Impromptus (D 899
und D 935), Fantasie für Klavier und Violine (D 934).
Zusammenkünfte und Diskussionen mit den Freunden
„Wie oft strichen wir Drei bis gegen Morgen herum, begleiteten uns
gegenseitig nach Hause – da man aber nicht im Stande war, sich zu
trennen, so wurde nicht selten bei Diesem oder Jenem gemeinschaftlich übernachtet.
Mit dem Comfort nahmen wirs [...] nicht sonderlich genau! Freund Moriz
warf sich wol gelegentlich, blos in eine lederne Decke gehüllt, auf den
nackten Fußboden hin [...]. In der Frage des Eigenthums war die
communistische Anschauungsweise vorherrschend; Hüte, Stiefel, Halsbinden,
auch Röcke und sonst noch eine gewisse Gattung Kleidungsstücke, wenn sie
sich nur beiläufig anpassen ließen, waren Gemeingut, gingen aber nach
und nach durch vielfältigen Gebrauch, wodurch immer eine gewisse Vorliebe
für den Gegenstand entsteht, in unbestrittenen Privatbesitz über. Wer
eben bei Kasse war, zahlte für den oder die Andern.“ Eduard von
Bauernfeld, „Einiges von Franz Schubert“, 1869
1828
Letzte
Schubertiade in Anwesenheit des Komponisten bei Joseph von Spaun. Die
Verleger Probst in Leipzig und Schott in Mainz interessieren sich für
Schuberts Werke. Probst überläßt er u. a. das Klaviertrio in Es-Dur (D
929). Am 26. März Schuberts Privat-Konzert, ausschließlich mit seinen
Kompositionen. Mit Johann Schickh und Franz Lachner Reise nach
Heiligenkreuz. Veröffentlichung der Moments musicaux (D 780). Im
September zieht Schubert aus der Inneren Stadt zu seinem Bruder Ferdinand
auf die Wieden (heute Kettenbrückengasse). Wanderung nach Eisenstadt. Im
November Kontrapunktstudien bei Simon Sechter. Korrektur des Erstdrucks
der Winterreise. Schubert stirbt am 19. November in der Wohnung
seines Bruders. Er wird auf eigenen Wunsch in der Nähe Beethovens auf dem
Währinger Friedhof in Wien beigesetzt.
Werke: „Große“ Symphonie in C-Dur (D
944) nach den Plänen und Entwürfen in Gmunden (1825), Fantasie in
f-Moll für Klavier zu vier Händen (D 940), Messe in Es-Dur (D
950), Der 92. Psalm (D 953), Streichquintett C-Dur (D 956),
Lieder nach Texten von Ludwig Rellstab, Heinrich Heine und Johann Gabriel
Seidl, vom Verleger Tobias Haslinger veröffentlicht als Schwanengesang
(D 957), drei Klaviersonaten (D 958-960), Entwurf zu einer Symphonie
(D 936A) und Der Hirt auf dem Felsen nach Gedichten von Wilhelm Müller
(D 965).
Berichte über Schuberts letzte Wochen
„Zehn
Tage ungefähr vor seinem Tode soupierte Schubert nebst mehreren anderen
Freunden beimir. Er war sehr heiter, ja ausgelassen lustig, in welche
Stimmung ihn wohl der an diesem Abend in größerer Menge genossene Wein,
von welchem er überhaupt kein Verächter war, gebracht haben mochte. Den
erwähnten Fisch, welcher ihm Ekel und das Gefühl, als hätte er Gift
genommen, verursacht habe, hatte er, wie ich glaube, bei seinem Bruder
mehrere Abende vorher genossen; das Gift scheint aber nicht nachteilig
gewirkt zu haben, denn er war an jenem Abend bei mir vollkommen wohl und,
wie gesagt, ungemein lustig. Der Gedanke, daß er Gift genommen, hat ihn
öfter beschlichen, er hat diese Idee zu verschiedenen Zeiten mehrere
Jahre früher auch in Zseliz schon ausgesprochen. Dieser Wahn beherrschte
ihn das eine Mal, ich weiß nicht mehr, in welchem Jahre es war, so stark
daß er damals in Zseliz keinen Augenblick Ruhe mehr hatte und mich, der
ich mich eben auch mit Urlaub auf Besuch daselbst befand, noch am Abend
vor meiner Rückreise nach Wien dringend bat, ihn mitzunehmen.“
Erinnerungen von Karl von Schönstein an Schuberts Krankheit, 1857
Tod und Begräbnis
Schubert starb am 19.
November 1828 nachmittags, eine Reihe seiner engen Freunde befand sich in
diesen Stunden im Stephansdom zur Hochzeitsfeier von Justina von Bruchmann
mit Rudolf Smetana. Auf dem Totenbett soll Schubert nach Joseph Hüttenbrenner
noch Melodien aus der Es-Dur Messe (D 950) gesungen haben. Laut
seinem Bruder Ferdinand hatte er in seinen Fieberträumen geäußert, daß
er neben Beethoven auf dem Währinger Friedhof beigesetzt werden wolle.
Die Familie nahm auf diesen Wunsch Rücksicht, aber zum Zeitpunkt der
Einladung zur Einsegnung in der Pfarrkirche St. Joseph in Margarethen
stand noch nicht fest, daß Schubert dort begraben werden würde. Bei
Schuberts Begräbnis wurden die von Ignaz von Seyfried arrangierten Gesänge
„Miserere“ und „Amplius lava me“ von Beethoven angestimmt, die
bereits bei dessen eigenem Leichenbegängnis erklungen waren. Die
Entscheidung für die Verwendung dieser Musik ging auf die Hüttenbrenner-Brüder
zurück, namentlich Joseph wollte Schuberts Rang auch durch eine
gleichartige Würdigung wie jene Beethovens öffentlich kundgeben.
1828
„Daß Schubert nicht mehr existiren soll, kommt mir wie ein Traum
vor.“
„Einer unserer besten Freunde, der wahrhaftig ein längeres Leben
verdient hätte als viele Tausende – ist nicht mehr. Schubert ist heute
vor 8 Tagen gestorben: er unter uns Allen der Lebensfroheste, in der Blüthe
seiner Jahre, seines Wirkens – der Kunst! Er lag nur 8 oder 9 Tage. Ein
bösartiges Nervenfieber, das der Arzt vermuthlich anfangs verkannte,
raffte ihn schnell hinweg. Er hatte seit ein paar Monathen bei seinem
Bruder auf der Wied[e]n gewohnt. Zwei Tage vor seinem Tode war ich noch
bei ihm: den Tag darauf fing er zu phantasieren an, u[n]d kam dann in
diesem Leben nicht wieder zu sich. Ich rechne mir’s nicht etwa hoch an,
wenn ich wahrhaftig wünsche, statt seiner gegangen zu seyn. […] Hast du
deiner Mutter denn noch immer nicht geschrieben? Thu es doch! du siehst,
wie bald Einer sterben kann, u. dann bereut man umsonst, wenn man ihm im
Leben nicht Alles geleistet hat. […] Daß Schubert nicht mehr existiren
soll, kommt mir wie ein Traum vor. Ich glaub’, ein großes Stük meiner
Juge[n]d ist mit ihm gestorben. Dem Schober geht es schlecht. […] Leb
wohl, lieber Freund, schreibe bald, u. stirb ni[c]ht etwa auch Deinem
Eduard“ Eduard von Bauernfeld an Ferdinand Mayerhofer von Grünbühel,
am 26. November 1828
1829
Nekrologe
der Schubert-Freunde Johann Mayrhofer, Leopold Sonnleithner, Joseph von
Spaun und Eduard von Bauernfeld erscheinen in Zeitschriften, ein Nachruf
von Joseph Hüttenbrenner bleibt ungedruckt. Eine Pränumerantenliste auf
den Schwanengesang mit einem Verzeichnis der um Schubert trauernden
Freunde, Bekannten und sonstigen Interessenten wird angelegt. Erstaufführung
der Messe in Es-Dur (D 950) in der Dreifaltigkeitskirche in der
Alser-Vorstadt am 4. Oktober 1829.
Franz Grillparzers Entwürfe zu einem Gedenkspruch auf Schuberts
Grabmal:
„Wanderer! Hast Du Schuberts Lieder gehört?
Unter diesem Steine liegt er. (Hier liegt, der sie sang.)“
„Die Tonkunst begrub hier einen reichen Besitz,
aber noch viel schönere Hoffnungen.“
„Er hieß die Dichtkunst tönen u. reden die Musik.“
Franz Grillparzer, September 1829. Der zweite Entwurf wurde ausgewählt.
1830
Errichtung
des Grabmals auf dem Währinger Friedhof mit der Schubert-Büste von
Joseph Alois Dialer. Anna Milder-Hauptmann singt den Hirt auf dem
Felsen in Riga und Berlin. Wilhelmine Schröder-Devrient singt den Erlkönig
vor Goethe.
1832
Wilhelmine
Schröder-Devrient singt Schubert-Lieder in ihren Londoner Konzerten, der
Verleger Christian Wessel veröffentlicht den Erlkönig innerhalb
eines Almanachs erstmals in englischer Sprache.
1833
Erfolglose
Erstaufführung des Es-Dur-Klaviertrios in Paris. Erste französisch
textierte Neuausgaben von Schuberts Liedopera und Nachlasslieferungen
erscheinen bei Charles Richault, der bekannte Operntenor Adolphe Nourrit
interpretiert Schuberts Lieder seit 1834 in französischen Salons. Uraufführung
des Streichquartetts Der Tod und das Mädchen in Berlin. Bis 1846
arrangiert Franz Liszt 55 Schubert-Lieder für Klavier.
1835
Schwind
macht Skizzen für ein Schubert-Zimmer mit Bildmotiven in erster Linie zu
Liedern von Mayrhofer und Goethe. Der Tenor Adolphe Nourrit in Paris singt
erstmals öffentlich Schubert. Ferdinand Schubert zitiert in seiner Pastoralmesse
(1846 veröffentlicht als sein op. 13) zahlreiche Werke seines
Bruders, wobei von ihm sowohl extrem frühe wie späte Werke berücksichtigt
werden.
1836
Johann
Mayrhofer nimmt sich das Leben. Erste Schubert-Novelle von J. B. C.
Jannach.
1838
Johann
Chrysostomus Senns Gedichte erscheinen.
Johann Senn: Gedichte
Als Senns Gedichte 1838 in Innsbruck erschienen, konnte er freilich nur
einen bescheidenen Bruchteil seines Werks der Öffentlichkeit vorstellen.
Der überwiegende Teil seiner Texte hatte die Zensur nicht passiert. Bis
heute sollte keines der pantheistischen Gedichte veröffentlicht werden.
Es ist der Metternichschen Zensur gelungen, das Bild dieses Dichters nur
sehr ungefähr und vage hervorschimmern zu lassen.
1839
Robert
Schumann nimmt Einblick in Schuberts Nachlaß bei dessen Bruder Ferdinand
und bewirkt, daß Mendelssohn Bartholdy im März in Leipzig die Große
C-Dur-Symphonie uraufführt. Ein Jahr später erscheint bei Breitkopf
& Härtel eine Bearbeitung für Klavier zu vier Händen und das
Orchestermaterial, 1849 die Partitur. In Schumanns Neuer Zeitschrift für
Musik erscheinen Ferdinand Schuberts Erinnerungen aus Schuberts
Leben.
Große C-Dur-Symphonie (D 944), März 1828.
Dem Einsatz von Robert Schumann und Felix Mendelssohn Bartholdy ist es zu
verdanken, daß es in Leipzig 1839 zur Erstaufführung von Schuberts
„großer” Symphonie in C-Dur (D 944) kam. Bei seinem Besuch zu Neujahr
1839 konnte Schumann bei Ferdinand Teile des musikalischen Nachlasses von
Schubert in Augenschein nehmen und Ferdinand davon überzeugen, ihm sowohl
die sogenannte Kleine, als auch die Große C-Dur-Symphonie zur Verfügung
zu stellen. Ferdinand lieferte für die kleine Symphonie auch bereits das
komplett ausgeschriebene Orchestermaterial mit. Trotzdem entschied sich
Felix Mendelssohn – bei dem die Noten erst Mitte Februar eintrafen –,
als Dirigent des Leipziger Gewandhausorchesters, noch für ein Konzert im
März die Große C-Dur-Symphonie auf das Programm zu setzen, also nochmals
Material ausschreiben zu lassen und diese Symphonie, die selbst das
erprobte Leipziger Orchester herausforderte, in diesen wenigen Wochen
einzustudieren. Sowohl die bei Breitkopf edierten Orchesterstimmen
(1839/1840) als auch die 1849 ebendort erschienene gestochene Partitur
gehen auf Ferdinands Abschrift zurück.
Schumann hatte erst kurz vor der wiederholten Aufführung im Dezember
Gelegenheit, Schuberts Symphonie erstmalig zu hören und schilderte sie
seiner Braut Clara mit großer Begeisterung:
„heute war ich selig, in der Probe wurde eine Symphonie von Franz
Schubert gespielt. [...] Die ist Dir nicht zu beschreiben, das sind
Menschenstimmen, alle Instrumente, und geistreich über die Maßen, und
diese Instrumentation trotz Beethoven – und diese Länge wie ein Roman
in vier Bänden, länger als die neunte Sinfonie [...].“ Und in seiner
Rezension für die „Neue Zeitschrift für Musik” führt er dann im
folgenden meist ungenau zitierten Passus aus: „Und diese himmlische Länge
der Symphonie, wie ein dicker Roman von vier Bänden etwa von Jean Paul,
der auch niemals endigen kann und aus den besten Gründen zwar, um auch
den Leser hinterher nachschaffen zu lassen.“
1842
Franz
von Schobers Gedichte erscheinen. Erste Veröffentlichungen von Briefen
und Lebensdokumenten Schuberts: Nachdem bereits kurz nach Schuberts Tod,
innerhalb einer Würdigung seines Klaviertrios Opus 100 in der Leipziger
Allgemeinen musikalischen Zeitung ein Schubert-Brief (an Probst, den
Verleger des Trios) veröffentlicht worden ist und Ferdinand Schubert
einen in einem Schulbuch 1833 zitierte, brachte Robert Schumann in Leipzig
1839 auch weitere Lebensdokumente zum Abdruck: darunter Schuberts im
Stadtkonvikt geschriebenen berühmten Bettelbrief um Semmeln an einen
seiner Brüder und die Erzählung Mein Traum. Erst 1843 gab es auch
in Österreich weitere Erstveröffentlichungen seiner Briefe, inzwischen
konnten seine Freunde und andere Adressaten durchaus mit großem Interesse
von Liebhabern und der Öffentlichkeit rechnen, und sie veräußerten ihre
Schätze nach und nach. Manche Quelle kam dabei inzwischen abhanden, und
manch andere wurde bewußt aus dem Verkehr gezogen und nur auszugsweise
veröffentlicht, da man befürchtete, daß ihr Inhalt zu privat sei und
das Ansehen des Komponisten oder noch lebender Freunde hätte
kompromittieren können. Seit Otto Erich Deutschs letzter Ausgabe der
Schubert-Dokumente (1964), in der 74 Schubert-Briefe (einschließlich
kurzer Notizzettel) gedruckt erscheinen, sind bis ins Jahr 1999 fünf
weitere Briefe aus privaten oder öffentlichen Sammlungen bekanntgeworden.
Über den Inhalt eines bislang unveröffentlichten Liebesbriefs von
Schubert (Privatbesitz) gibt es noch keine konkreten Informationen.
1843
Louis
Rocca legt in Leipzig ein Verzeichnis der gedruckten Werke Schuberts vor.
Gründung des Wiener Männergesang-Vereins. Eine Ausgabe von Johann
Mayrhofers Gedichten, herausgegeben von Ernst von Feuchtersleben,
erscheint.
1846
Das
Adagio in Es für Klavier, Violine und Violoncello op. 148 (D 897)
wird von Diabelli unter dem Titel Nocturne (“Nachtstück“) veröffentlicht.
Schuberts Messe G-Dur (D 167) erscheint in Prag bei Marco Berra in
einer Stimmenausgabe als angebliches Werk des Veitsdom-Kapellmeisters
Robert Führer. Zwei Porträtlithographien Schuberts von Joseph Kriehuber
erscheinen.
1848
Verlust
mehrerer Schubert-Manuskripte in den Wirren der Revolutionszeit, als die
Hausgenossen Joseph Hüttenbrenners verschiedene Papier konvolute
verbrennen.
1850
Uraufführung
des Streichquintetts durch Joseph Hellmesberger (u.a.) und dessen
Erstausgabe.
Joseph Hellmesbergers Einsatz für das Streichquintett
Einen Anhaltspunkt für eine Entstehung des Werkes in jener Zeit, als der
Komponist sich wenige Monate vor seinem Tod auch mit den Heine- und
Rellstab-Liedern befaßte, bietet nur Schuberts Mitteilung an den
Leipziger Verleger Heinrich Albert Probst, dem er das Werk Anfang Oktober
1828 offeriert und mitteilt, daß es in diesen Tagen gerade „erst
probirt“ werde. Die Chance, daß das Stück bereits kurz nach Schuberts
Tod bekannt hätte werden können oder spätestens durch Robert Schumann
1839, wurde durch den Verleger Diabelli vertan: Als er das Manuskript im
November 1829 von Ferdinand Schubert erwarb, wurde zwar eine Veröffentlichung
vorbereitet, doch kam es nicht dazu und das Stück verschwand im
Verlagsarchiv, bis es Joseph Hellmesberger dort 1850 fand und umgehend zur
Uraufführung brachte. Wenig später erschien dann auch der Druck des
Quintetts, der heute die einzige Überlieferung darstellt, da Schuberts
Originalmanuskript verschollen ist. Als Sohn des mit Schubert befreundeten
Geigers Johann Georg Hellmesberger war Joseph, der Begründer des
namhaften Streichquartetts, schon von Kindheit an mit dem
Kammermusik-OEuvre Schuberts vertraut, obwohl dieser noch um die Mitte des
19. Jahrhunderts überwiegend als Liederkomponist bekannt war. „Hellmes-bergers
Leistungen als Quartettprimarius waren unvergleichlich. Gewisse
undefinierbare, faszinierende Klangwirkungen, die er seiner Geige zu
entlocken wußte, beispielsweise im C-dur-Quintett von Schubert, sind mir
nie wieder begegnet.“ Joseph Sulzer, Ernstes und Heiteres aus den
Erinnerungen eines Wiener Philharmonikers, Wien 1910.
1851
Stockhausen
singt in London einen Gutteil des Zyklus’ Winterreise. In der
Schauspielfassung von Les Contes d‘Hoffmann von Jules Barbier und
Michel Carré wird das Ritornell aus Schuberts „Marguerite“ (Gretchen
am Spinnrad) zitiert, eines der in Pariser Salons populärsten
deutschen Lieder.
1852
Erste
Schubert-Medaille von Joseph Edgar Böhm wird geprägt. Bis 1928 wurden österreichische
Münzen jedoch ausschließlich von den Porträts gekrönter Häupter aus
dem habsburgischen Kaiserhaus geziert, doch anläßlich der Feier von
Schuberts hundertstem Todestag gab es dann erstmals eine
2-Schilling-Schubert-Münze. Zu Ehren des 150. Todestages von Schubert
wurde dann eine 50-Schilling-Silbermünze geprägt.
1854
Eine
unvollständige Chorpartitur der Deutschen Messe erscheint unter
dem Titel Das deutsche Hochamt. Uraufführung von Alfonso und
Estrella unter Franz Liszt im Großherzoglichen Hoftheater Weimar in
Anwesenheit Franz von Schobers.
1856
Nach
vergeblichen Versuchen Felix Mendelssohns, die Große C-Dur-Symphonie in
England einzuführen, was nur zu einer Privataufführung vor adeligem
Publikum 1844 führte, bringt August Manns die Symphonie 1856 im Cristal
Palace zu Gehör, verteilte die vier Sätze aber auf mehrere Abende.
Julius Stockhausen bietet den Zyklus Die schöne Müllerin – wohl
erstmals vollständig – in Wien dar.
Eduard Hanslick bespricht 1856 Julius Stockhausens Wiener
Darbietung der Schönen Müllerin
„Stockhausen nahm Abschied vom Publikum, und zwar mit dem einfachsten
Programm der Welt. Anstatt des gewöhnlichen Sammelsuriums von Stücken,
deren eines nicht zum andern gehört, lasen wir auf dem Anschlagzettel bloß:
»Die schöne Müllerin«, ein Liederzyklus von Franz Schubert. Die Idee
ist unseres Wissens eine neue; daß sie zugleich eine glückliche war,
zeigte der wahrhaft überraschende Besuch des Konzertes. Wie durch
stillschweigende Verabredung hatten sich alle echten Anhänger deutscher
Musik zu dieser Produktion eingefunden, welcher zu einem eigentlichen
Schubert-Feste nichts als die ausdrückliche Bezeichnung fehlte. […]“ Zitat
in Eduard Hanslick, Geschichte des Concertwesens in Wien, 1870
Jenny Lind, die „schwedische Nachtigall“, als frühe
Interpretin der Schönen Müllerin
Daß die in ganz Europa als Opern- und Liedsängerin gefeierte Jenny Lind
(1820-1887) eine der ersten Frauen war, die sich an den Zyklus Die schöne
Müllerin wagten, ist besonders deshalb bemerkenswert, weil sie nach
dem Zeugnis von Eduard Hanslick eher über eine „anmutige, naive,
sanftelegische“ Stimme verfügte.
1857/58 Ferdinand
Luib versendet Fragebögen an Schuberts Freunde und Bekannte, um für eine
Biographie zu recherchieren.
1859
Ferdinand
Schubert stirbt. Johann Herbeck findet Manuskriptteile des Lazarus (D
689).
Bewahrung des Familiennachlasses
Nach dem Tod Ferdinand Schuberts steht die Verwahrung und Verwaltung von
dessen noch immer außerordentlich bedeutender Schubert-Sammlung zur
Disposition, sie wird zur Deckung einer Schuld von 1000 Florin zunächst
beschlagnahmt. Während manche Manuskripte vor der Veräußerung an
unqualifizierte Besitzer (teils als Verpackungsmaterial) nur knapp der
Vernichtung entgehen, sorgen der Dirigent Johann Herbeck und der
nachmalige Schubert-Biograph Heinrich Kreißle für eine Rettung des
Nachlaß’. Später gingen diese Manuskripte über mehrere
Zwischenbesitzer und Vermittler in öffentliche Wiener Sammlungen und die
Gesellschaft der Musikfreunde.
1860/61 Heinrich
Kreißle von Hellborn legt seine ersten Recherchen zu Schubert unter dem
Titel Eine Biographische Skizze vor.
1861
Konzertante
und szenische Uraufführung des Singspiels Die Verschworenen,
erstere in Gegenwart des Librettisten in Wien, letztere in Frankfurt am
Main.
1862
Erste
Pläne zu einem Schubert-Denkmal im Wiener Stadtpark. Johann Herbeck führt
mit dem Wiener Männergesang-Verein die Deutsche Messe in einem
Arrangement für vier Männerstimmen in der Augustiner Hofkirche auf. Der
Bariton Julius Stockhausen und der Pianist und Komponist Carl Reinecke führen
am 25. März den Zyklus Die schöne Müllerin (D 795) mit
deklamiertem Prolog, Epilog und den drei von Schubert nicht komponierten
Gedichten von Wilhelm Müller auf. Stockhausen bietet dieses Programm 1864
auch vor 2000 Hörern im Kölner Gürzenich dar. Moritz von Schwind
zeichnet zu Franz Lachners 25-jährigem Dienstjubiläum als Kapellmeister
der Münchner Oper die sogenannte „Lachner-Rolle“.
1863
Erste
Exhumierung der Gebeine Schuberts und Beethovens im Beisein von Schuberts
Bruder Andreas. Von der Exhumierung wird ein Protokoll angefertigt, dabei
werden die Gebeine Beethovens und Schuberts miteinander verglichen. Uraufführung
des Fragments Lazarus unter Johann Herbeck im Redoutensaal. Gründung
des Wiener Schubertbundes.
1864
In
Franz von Suppés Operette Franz Schubert, nach einem Text von
Johann von Päumann, tritt Schubert erstmals als Bühnenfigur in
Erscheinung, der Librettist erfindet die Legende von der Höldrichmühle
und behauptet, daß der Komponist in diesem Gasthof in der Nähe von Mödling
zu seinem Zyklus Die schöne Müllerin angeregt worden sei.
1865
Johann
Herbeck, der seit 1860 von der Existenz der „Unvollendeten“ Symphonie
in h-Moll (D 759) bei Anselm Hüttenbrenner wußte, erhält das
Manuskript aus der Hand Anselms, bewirkt dessen Veröffentlichung und
dirigiert die Uraufführung. Erste Schubert-Biographie von Heinrich Kreißle
von Hellborn.
1867
Johann
Herbeck plant, den von ihm aufgefundenen Partiturentwurf des Graf von
Gleichen (D 918) zu vollenden und zu orchestrieren. Mit der Erstaufführung
der „Unvollendeten“ und jener der erstmals wieder zusammengefügten
Musik zu Rosamunde beginnt eine neue Ära der Schubert-Rezeption in
England.
George Grove und Arthur Sullivan als Propheten Schuberts in England
Der verdiente, nicht zuletzt dank seines Musiklexikons noch heute berühmte
George Grove zog auch den später namhaften Operettenkomponisten Arthur
Sullivan zu Rate, als er sich daran machte, wie andere bedeutende
Wissenschaftler aus dem englischen Sprachraum, die Musikgeschichte des
Kontinents zu erforschen und in Wien nach Schubert-Quellen zu fahnden,
namentlich nach den in jenen Jahren verschollenen Teilen zu Rosamunde.
1868
Moritz
von Schwind malt: Ein Schubert-Abend bei Ritter von Spaun (farbiger
Entwurf zu einem Gemälde und ausgeführte Sepiazeichnung). Eine Lünette
seiner Fresken in der neuerbauten Hofoper (heute Staatsoper) an der Wiener
Ringstraße stattet Schwind mit Schubert-Thematik aus.
1871
Beginn
einer „kritisch-correcten“ (unvollständigen) Gesamtausgabe von
Schuberts Liedoeuvre im Leipziger Verlag Carl Friedrich Peters, die in
ihren immer wieder neu aufgelegten und in den 1880er Jahren durch Max
Friedlaender revidierten und ergänzten sieben Bänden bis heute maßgeblichen
Einfluß auf das Schubert-Repertoire hat. Moritz von Schwind stirbt.
1872
Enthüllung
des Schubert-Denkmals von Carl Kundmann im Stadtpark Wien.
Joseph von Spaun zu dem projektierten Schubert-Denkmal
„Vor einigen Tagen gab man zum Vortheil des Schubert Monuments ein
Konzert, in dem nur Schubertische Kompositionen vorgetragen wurden […].
– Das Monument wird in Mitte des sehr schönen Stadtparks stehen, und da
der Fond reichlich zusammengefloßen, so kann das Monument ein sehr würdiges
werden. Man hat hier zu wenig gewußt was man an Schubert habe, nun weiß
man aber was man an ihm verloren.“ Joseph von Spaun an Franz von
Schober, 22. März 1864
1873
August
Reissmann gibt seine Schubert-Studie heraus, die sich in erster Linie mit
dem Werk, namentlich mit dem Lied befaßt. Als „artistischer Direktor“
der Wiener Weltausstellung 1873 weigert sich Johannes Brahms, ein
ausschließlich mit Schubert-Nummern bestücktes Festkonzert
einzustudieren.
1874
Gustav
Nottebohm erstellt ein erstes „Thematisches Verzeichnis der im Druck
erschienenen Werke Franz Schuberts“, das nach Opuszahlen gegliedert ist.
Diesem Verzeichnis gingen unvollständige Verzeichnisse schon zu Schuberts
Lebzeiten voraus.
1875
Erstveröffentlichung
der Erstfassung von Schuberts Missa solemnis in As-Dur (D 678)
durch Friedrich Schreiber (Fassung letzter Hand erst in der alten
Schubert-Gesamtausgabe 1887). Als Uraufführungsdatum der Messe gilt –
nach wie vor unbelegt – 1822, als Ferdinand Schubert das Werk vielleicht
in der Alt-Lerchenfelder Kirche zu Gehör brachte.
1876
Constantin
Ritter von Wurzbach verfaßt einen der frühen wichtigen lexikographischen
Artikel zu Schubert innerhalb seines 60bändigen Biographischen Lexicon
des Kaiserthums Oesterreich.
1881
Erstes
aufwendig produziertes Faksimile einer Schubert-Handschrift: Reinschrift
der 3. Fassung der Forelle, das für Joseph Hüttenbrenner
niedergeschriebene Exemplar mit dem Tintenfleck in: Manuscript- und
Portrait-Gallerie musikalischer Heroen. Konzertzyklus mit sämtlichen –
bis dahin teils unveröffentlichten – Schubert-Symphonien in London. In
diesem Rahmen erfolgte von mehreren frühen Symphonien Schuberts die öffentliche
Uraufführung. Der Symphonie-Entwurf in E-Dur (D 729) wurde hier in
einer Instrumentierung von John Francis Barnett gespielt, die
„Unvollendete“ mit dem ersten Entreakt aus Rosamunde zu einer viersätzigen
Symphonie ergänzt.
1882
Franz
von Schober stirbt in Dresden.
Schubert in den Nekrologen und Memoiren seiner Freunde
Franz von Schobers handschriftlicher Nachlaß, dessen überlieferte Teile
heute überwiegend in Wien (Stadt- und Landesbibliothek) und Hamburg
verwahrt werden, birgt mit Abstand die meisten wichtigen biographischen
Dokumente zu Schubert aus dessen Reifezeit. Das macht die Tatsache wett,
daß Schober sich – wie übrigens auch Bruchmann, Jenger, Kupelwieser,
Lachner, Schlechta, Schwind und Senn – nicht dazu entschließen konnte,
seine Erinnerungen an Schubert ausführlich aufzuschreiben. Dagegen haben
Joseph Hüttenbrenner, Johann Mayrhofer, Leopold Sonnleithner, Joseph von
Spaun, Eduard von Bauernfeld sowie Anton Schindler schon recht früh, und
weitere Freunde immerhin nach eingehenden Mahnungen der Biographen dann
gegen Ende ihres Lebens ihre Erinnerungen aufgeschrieben.
1884-97 Die
erste Gesamtausgabe, herausgegeben u. a. von Johannes Brahms, Eusebius
Mandyczewski und Johann Nepomuk Fuchs erscheint bei Breitkopf&Härtel
in Leipzig. Einige unvollendete oder nur skizzierte Werke finden keine Berücksichtigung.
1888
Zweite
Exhumierung der Gebeine Schuberts und Umbettung des Sargs auf den Wiener
Zentralfriedhof, dort Errichtung des Schubert-Grabmals von Carl Kundmann.
Die Schubert-Büste von Dialer wird durch eine Kopie ersetzt, das Original
geht an den Wiener Männergesang-Verein (heute im Schubert-Museum der
Stadt Wien). Mit wissenschaftlicher Beratung von Max Friedlaender singt
Julius Stockhausen die Lieder der Winterreise in der Reihenfolge,
wie sie im Gedichtzyklus Müllers stehen: Die Post erklang nach Der
Lindenbaum, der Frühlingstraum nach Die Nebensonnen.
1890
Öffentliche
Uraufführung der von Max Friedlaender herausgegebenen Chorwerke Tantum
ergo in Es-Dur (D 962) und Tenor-Arie mit Chor Intende voci (D
963) im Stadttheater Eisenach.
1896
Der
vierjährige Posten, Uraufführung in der Bearbeitung von
Robert Hirschfeld in der Hofoper Dresden anläßlich des 105. Geburtstags
von Theodor Körner. Gustav Burchard: „Franz Schubert“ (Singspiel,
Berlin)
1897
Ausstellung
und Gedenkfeiern zu Schuberts 100. Geburtstag. An einem Wettbewerb um eine
würdige Darstellung Schuberts durch Künstler des Fin de Siècle
beteiligt sich auch Gustav Klimt, doch wird für die Schubert-Gedenkstätte
im Wiener Rathaus das Gemälde von Julius Schmid gewählt. Die
Schubert-Oper Fierabras wird in Karlsruhe uraufgeführt, bearbeitet
von Felix Mottl. Heinrich Zoellner: Schubertiade (Singspiel).
1898
Edith
Clegg singt in London erstmals Schubert auf Grammophon-Platten: Ave
Maria und Heidenröslein. 1901 singt Leo Slezak Ungeduld auf
Grammophon-Platten. Ludwig Wüllner veranstaltet vier historische
„Schubert-Abende“ in München. Felix Mottl bringt in Karlsruhe seine
mit weiterer Schubert-Musik kombinierte Version der Zauberharfe heraus,
unterlegt die Musik aber Ferdinand Raimunds Stück Die gefesselte
Phantasie (Wiederaufführungen im Burgtheater Wien 1936 und im Theater
in der Josefstadt 1978).
1903
Arnold
Schönberg arrangiert Schuberts Rosamunde-Musik für Klavier zu
vier Händen.
Musizieren in Ermangelung von Aufzeichnungsgeräten und als
Partiturstudium
Neben der eigentlichen Literatur für Klavier vierhändig existierte bis
weit ins 20. Jahrhundert hinein das gleichermaßen höchst beliebte
Arrangement-Repertoire, das verschiedenen Zwecken zugleich diente: der
musikalisch adäquateren Umsetzung von großer Orchestermusik auf dem
Klavier als es im zweihändigen Auszug möglich war und nicht zuletzt dem
geselligen Zusammenwirken zweier Klavierspieler unterschiedlicher
technischer Fähigkeiten, die sich das ansonsten lediglich im Konzertsaal
oder dem Theater hörbare Repertoire spielend erarbeiten konnten. Viele
Komponisten des 19. Jahrhunderts erstellten im eigenen Interesse und auch
zum Vorteil der Verleger Klavierbearbeitungen ihrer Werke, die oft
wesentlich höheren Absatz fanden als die Originalausgaben, wobei den
selbst erarbeiteten Arrangements der Komponisten nicht unbedingt immer der
Vorzug gegenüber jenen professioneller Arrangeure einzuräumen ist, was
etwa an der durchaus ebenbürtigen vierhändigen Version der Ouvertüre zu
Fierabras (D 796) von Carl Czerny mit jener Schuberts festzustellen
ist.
1904
Carl
Costa/Carl Antropp: Franz Schubert (Volksstück).
1905
Otto
Nowak (1875-1945), ein Wiener Genre- und Porträtmaler, tritt als ausübendes
Mitglied in den Wiener Schubertbund ein. Nowak wurde in den folgenden
Jahrzehnten einer der produktivsten Schubert-Darsteller, der maßgeblich
daran beteiligt war, das Bild des weltfremden „Schwammerl“ à la
Bartsch und Berté zu popularisieren. Durch seine künstlerische – wenn
auch nicht geschmackliche – Qualifikation hat er das Schubert-Bild von
1928 wesentlich mitgeprägt.
1908
Konzertante
Uraufführung der Oper Die Bürgschaft durch den Wiener
Schubertbund. Erste Einspielung der vollständigen Schönen Müllerin auf
Tonträgern durch den Tenor Franz Naval. Leo Heller/Richard Wurmfeld/ Béla
Laszky: Schubert (Episode in einem Akt).
1911
Rudolf
Hans Bartsch: Schwammerl (Roman).
1912
Arnold
Zweig: Die Novellen um Claudia (Roman mit dem Kapitel „Die
Sonatine“, zu D 384). Julian Raudnitz: Horch, horch, die Lerch’ (Singspiel).
1913
Der
Wiener Kulturhistoriker Otto Erich Deutsch (1883-1967) legt nach ersten
kleineren Schubert-Arbeiten seinen Bildband zu Schubert vor, den ersten
Teil des auf vier Bände veranschlagten Dokumentationswerkes, dem noch die
zu Lebzeiten erschienenen Dokumente zu Schubert (1914) und 1946 deren
Ausgabe samt Kommentar in englischer Sprache folgen. Szenische Uraufführung
des Fragments Claudine von Villa Bella im Gemeindehaus Wieden durch
den Wiener Schubertbund. 50-jähriges Jubiläum des Schubertbundes Wien.
Die Verschworenen als Stück des Zeitgeists im ersten
Weltkrieg um 1914?
1915 setzte sich Deutsch mitten im ersten Weltkrieg für eine neuerliche
Aufführung der Verschworenen ein und verwies auf die – wie er
meinte – aktuelle Thematik. Nicht von ungefähr aber ließ sich Hans
Gregor, damals Hofoperndirektor, nicht darauf ein: schließlich handelt es
sich bei diesem Sujet nach Aristophanes denn doch um ein Plädoyer gegen
den Krieg, selbst wenn Castelli und auch die meisten seiner späteren
Bearbeiter das Anliegen der Frauen, die Männer vom Krieg abzuhalten,
ironisierten und die Männer in diesem „häuslichen Krieg“ siegen ließen.
1916
Die
Operette Das Dreimäderlhaus von Heinrich Berté unter ausschließlicher
Verwendung Schubertscher Musik, vornehmlich aus Instrumentalwerken, wird
in Wien uraufgeführt und geht mit sensationellem Erfolg über die Bühnen
der Welt.
Das Dreimäderlhaus als maßgeblicher Beitrag zur
Schubert-Rezeption?
Selbst wenn Bertés Operette in erster Linie Klischeebilder Schuberts
reproduziert, ist seine Wirkung auf die Schubert-Rezeption der ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts außerordentlich groß: Seit seiner Uraufführung im
Wiener Raimundtheater 1916 erzielte es mehr als 80.000 Aufführungen in
der ganzen Welt.
Wie konnte es zum Dreimäderlhaus kommen?
Dokumentarische Belege für persönliche Kontakte des Schubert-Kreises zu
den vier Fröhlich-Schwestern und Grillparzer sind äußerst rar, mit
Sicherheit aber gab es häufige Begegnungen und gemeinsame musikalische
Privataktivitäten, die nur mündlich vereinbart waren und weder in Tagebüchern
noch Briefen erwähnt sind. Der Versuch Grillparzers und der Fröhlichs,
ihre Privatsphäre durch ein Verschweigen von Informationen zu schützen,
führte letztlich zu jenen zahllosen belletristischen Versuchen,
konkretere Schilderungen der Beziehungen des Dichters sowie Schuberts zu
den Fröhlichs und anderen Frauen zu erfinden. Während Eduard von
Bauernfeld noch vergeblich dazu riet, wilden Spekulationen durch eine
offene Darstellung der authentischen Verhältnisse entgegenzutreten,
kulminierten die Ausschmückungen des nicht dokumentarisch Belegten schließlich
in den äußerst erfolgreich vermarkteten Rezeptionsphänomenen wie Rudolf
Hans Bartschs Roman Schwammerl (1912) und Heinrich Bertés Operette
Das Dreimäderlhaus (1916).
Die Faktur des Dreimäderlhauses von Heinrich Berté
Das Dreimäderlhaus ist eine in jeder Beziehung äußerst
raffiniert konstruierte Operette, deren Verfasser den Erfahrungsschatz
ganzer Arrangeur-Generationen in das Werk einbrachten und gleichzeitig auf
ein im Rahmen der Biedermeier- und Alt-Österreich-Nostalgiewelle ideales
Sujet zurückgreifen konnten. Beim Versuch, die Potpourri-Faktur des Dreimäderlhauses
durch einen Nachweis aller verwendeten Melodien detailliert aufzuschlüsseln,
stellte sich heraus, daß Berté bei den meisten Nummern der Partitur auf
Schubertsche Instrumentalmusik zurückgriff und zwar auf seine in ihrer
Originalfassung oft nicht eben unscheinbaren, aber kaum je plakativen
Klavierstücke, darunter Themen aus Sonaten, deutschen Tänzen und
dergleichen (das Zitat aus der Wandererfantasie stellt schon eher
eine Ausnahme dar).
1917
Richard
Nordmann (pseud. für Margarete Langkamer): Schubert (Szene).
1918
Szenische
Uraufführung von Fernando in Magdeburg. Carl Lafite: Hannerl (Fortsetzung
der Operette Dreimäderlhaus, uraufgeführt 1928 im Raimundtheater
Wien). Oscar Straus: Hannerl und Schubert (Singspiel, Hamburg). In
Fritz Kortners Beethoven-Stummfilm Märtyrer seines Herzens erscheint
erstmals eine „Schubert“-Nebenrolle.
1920
Hans
Buresch: Leise flehen meine Lieder (Schauspiel mit Musik in drei
Akten).
1921
August
Jurek: Hannerl vom Dreimäderlhaus (Singspiel, Wien)
1922
Ergänzung
der Reliquie (Klaviersonate D 840) auf Anregung von Eduard Erdmann
durch Ernst Krenek.
1923
Gustav
Mayer: ’S Hannerl vom Dreimäderlhaus (Stummfilm).
1925
Joseph
Boden: Wiener Schubertiade (Singspiel, Heidelberg).
1926-30 Alfred
Deutsch-German: Franz Schuberts letzte Liebe (Film über Schubert
und Paganini)
1928
Monumentale
Schubert-Feiern zum 100. Todestag.
10. Deutsches Sängerbundesfest in Wien, bei dem Zigtausende gemeinsam
Schubert-Lieder singen. Ein in den USA ausgeschriebener Internationaler
Wettbewerb soll Komponisten zur Vollendung von Schuberts h-Moll-Symphonie
(D 759) anregen.
Aufführungen von zahlreichen Schubert-Opern, einer Konzertversion von Rosamunde
mit Erzähler (von Engelbrecht-Schwarz und O. E. Deutsch), aber auch
die szenischen Uraufführungen von Die Freunde von Salamanca (mit
Dialogen von G. Ziegler) in Halle/Sachsen sowie von Lazarus in
Essen. Schubert-Singspiele und Operetten: Ernst Heinrich Bethge, Franz
Schuberts erste Liebe und Bertl; J. und H. Neudorfer, Künstlerlos;
Hermann Hoffmann, Unser Franz Schubert; Max Schimann, 1828–Schubert–1928;
Willi Reeg, Franz Schubert; Ferdinand Soeser, Franz Schuberts
musikalische Sendung; Oskar Staudigl, Schuberts Heimkehr; Viktor
Hess, Vreneli in Grinzing; Emil Berté, Der Musikus von
Lichtental; W. Herrmann, Am Brunnen vor dem Tore; Julius
Bittner, Der unsterbliche Franz.
Filme: Das Mädchen aus der Höldrichsmühle; Der Schulmeister
von Lichtental (Österreich/England); Franz Schubert und seine
Zeit; Franz Schubert und sein lachendes Wien. Theodor Wiesengrund
Adorno: „Schubert“ (Aufsatz).
1931
„Wiederentdeckung“
der Deutschen Tänze (D 820), die Anton Webern orchestriert.
1933
Willi
Forst Leise flehen meine Lieder (erster Schubert-Tonfilm mit Hans
Jaray, Martha Eggerth, Luise Ullrich, Hans Moser), englische Fassung The
unfinished Symphony (1934).
1934
Uraufführung
von Felix Weingartners Ausarbeitung der Symphonie in E-Dur (D 729)
durch die Wiener Philharmoniker. Englischsprachige Verfilmung des Dreimäderlhauses
unter dem Titel Blossom Time (Regie: Paul L. Stein) mit Richard
Tauber als Schubert.
1936/37 Stefan
Zweig ist gezwungen, seine Autographen-Sammlung zu veräußern und zu
verschenken, darunter befinden sich zahlreiche wichtige Schubertiana. E.
W. Emo: Drei Mäderl um Schubert (Tonfilm mit Paul Hörbiger, Maria
Andergast, Gustav Walter).
1938
Willi
Kahl legt ein umfangreiches Verzeichnis des Schrifttums über Schubert von
1829-1928 vor. Otto Erich Deutsch verläßt nach dem Anschluß Österreichs
an das Deutsche Reich seine Heimat, wirkt in England, fährt jedoch mit
seinen Schubert-Arbeiten auch im Exil fort. In der Kriegs- und
Nachkriegszeit verlieren sich die Spuren zu zahlreichen Quellen in
Privatbesitz, vieles wird systematisch zerstört.
1940/41 Lotte
Lehmann nimmt die komplette Winterreise für Schallplatten auf,
1942 ebenfalls die Schöne Müllerin.
1943
Richard
Strauss notiert den nur in der Familientradition überlieferten
Kupelwieser-Walzer nach der Darbietung von Maria Mautner-Markhof, einer
Nachfahrin Leopold Kupelwiesers.
1947
Dietrich
Fischer-Dieskau gibt erste Liederabende in Berlin, darunter auch die Winterreise.
Fischer-Dieskau hat den Zyklus zwischen 1951 und 1985 sechsmal für
Schallplatte aufgenommen. Emmerich Hanus: Seine einzige Liebe (Film
mit Franz Böheim).
1949
Uraufführung
von Der Spiegelritter (Radio Beromünster in Bern, Schweiz). Auch
alle weiteren Opern und Singspiele inklusive der Fragmente werden vom
selben Sender aufgenommen; die meisten Bänder wurden aber wieder gelöscht.
1951
Otto
Erich Deutsch legt in englischer Sprache erstmals ein vollständiges
Werkverzeichnis Schuberts, den Thematic Catalogue of all his Works in
chronological Order vor. Anders als zuvor u. a. Nottebohm ist für ihn
die Reihenfolge der Entstehung maßgeblich für die Anordnung.
1953
Walter
Kolm-Velté: Franz Schubert – ein Leben in zwei Sätzen (Farbfilm
mit Heinrich Schweiger, Aglaja Schmid, Hans Thimig).
1956
Rundfunkaufnahme
von Alfonso und Estrella unter der Leitung von Nino Sanzogno in
italienischer Sprache für die RAI in Rom.
1957
Otto
Erich Deutsch gibt die Erinnerungen der Freunde Schuberts als
dritten Teil seiner Schubert-Dokumentation (seit 1913) heraus.
1958
Das
Dreimäderlhaus wird von Ernst Marischka verfilmt, in einer
Singspiel-Fassung (mit Karlheinz Böhm, Johanna Matz, Ewald Balser, Magda
Schneider, Gustav Knuth, Rudolf Schock). Uraufführung der
Schubert-Shakespeare-Oper Die Wunderinsel – von Kurt Honolka
vorwiegend mit Musik aus Alfonso und Estrella zusammengestellt –
in Stuttgart unter Mitwirkung von Fritz Wunderlich.
1964
Im
Vorfeld der Begründung eines Tübinger Forschungsinstituts zur Edition
der Werke bringt Otto Erich Deutsch (†1967) seine Dokumentensammlung zu
Schubert erstmals in deutscher Sprache mit Kommentaren und erschlossen
durch ein Register heraus.
1966
Herausgegeben
von der Internationalen Schubert-Gesellschaft erscheint die Neue
Schubert-Ausgabe bei Bärenreiter in Kassel, vorgelegt von Walther Dürr,
Arnold Feil, Christa Landon, Werner Aderhold, Walburga Litschauer, Manuela
Jahrmärker, Michael Kube, Christine Martin und externen Mitarbeitern.
1969
Walther
Dürr beginnt mit der Neuausgabe der Liederbände Schuberts und wahrt bei
den von Schubert selbst veröffentlichten Liedern die Opus-Gruppierungen.
Christa Landon (1921 – 1977) entdeckt im Archiv des Wiener Männergesang-Vereins
rund 50 Schubert-Autographe.
1969-71 Dietrich
Fischer-Dieskau (*1925) und Gerald Moore (1899-1987) spielen den Großteil
der Schubert-Lieder für die Deutsche Grammophon auf Tonträgern ein.
1971
Dietrich
Fischer-Dieskau veröffentlicht erstmals seine Studie Auf den Spuren
der Schubert-Lieder. Werden - Wesen - Wirkung. Uraufführung des
Fragments Sakuntala in der Einrichtung von Fritz Racek bei den
Wiener Festwochen.
1976
Erstes
Festival der Schubertiade in Hohenems (Gründung 1975 durch Hermann Prey
mit der ursprünglichen Absicht, alle Werke Schuberts in chronologischer
Reihenfolge innerhalb eines Zeitraumes von 12 Jahren aufzuführen). Alfred
Brendel: Nachdenken über Musik (Aufsätze, darunter „Schuberts
Klaviersonaten“ 1822-1828). Friederike Mayröcker: Der Tod und das Mädchen
(Hörspiel), Wetter-Zettelchen (Schubert-Porträt in Form einer
Text-Collage).
1978
150.
Todestag. In zahlreichen Konzertzyklen und Ausstellungen des In- und
Auslandes wird der Komponist gewürdigt, grundlegende wissenschaftliche
Studien zu Schubert erscheinen, darunter die deutschsprachige Neuaus-gabe
des Werkverzeichnisses nach Otto Erich Deutsch im Rahmen der Neuen
Schubert-Ausgabe (bearbeitet von Werner Aderhold und der
Editions-leitung der Neuen Schubert-Ausgabe). Szenische Uraufführung
einer Bearbeitung von Des Teufels Lustschloß in Potsdam. Titus
Leber: Fremd bin ich eingezogen (Film). Eberhard Schoener: Sakuntala
(Ballett-Fernsehfilm mit elektronischer Musik)
1979
Stefan
Hermlin: Abendlicht (Roman mit einer Paraphrase von Des Baches
Wiegenlied, D 795, 20).
1980
Eva
Strittmatter: „Der Wanderer“ (Essay zu Schuberts Winterreise).
1981
Mauricio
Kagel: Aus Deutschland. Eine Lieder-Oper. 1977-80. Dem Andenken
Heinrich Heines. Uraufführung in der Deutschen Oper Berlin, 1981. Fierabras
bei der Opéra d’Hermance (Genf).
1982
Uraufführung
der von Brian Newbould ergänzten (orchestrierten) Fassung der E-Dur-Symphonie
(D 729). Fierabras in Augsburg. Es folgen Inszenierungen in
Wien (1988) und eine Ausgrabung von Alfonso und Estrella in Graz
(1991), nach einem ersten englischsprachigen Versuch in Reading 1977.
Alfred Hrdlicka: Schubert-Arbeiten.
1983
Begründung
der Schubertiade Wien (Gesellschaft der Musikfreunde) durch Hermann Prey
mit der Konzeption, alle Werke Schuberts in teilweise chronologischer
Folge aufzuführen. Wolfgang Hildesheimer: Der Tod und das Mädchen (Collage).
1985
Elmar
Budde und Dietrich Fischer-Dieskau legen nach und nach eine revidierte
Ausgabe der Schubert-Lieder bei C. F. Peters in Frankfurt am Main vor.
Konzertante Aufführung des Opernfragments Adrast bei den Wiener
Schubert-Tagen unter Helmut Froschauer.
1986
Fritz
Lehner: Mit meinen heißen Tränen (Dreiteiliger Fernsehfilm mit
Udo Samel, Traugott Buhre, Therese Affolter), Kinofassung Notturno (1989).
1987
Gründung
des Internationalen Franz Schubert Instituts (IFSI) in Wien (Sitz im
Sterbehaus). Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen erscheinen,
darunter mehrere schwer zugängliche Werke im Faksimile.
1987 - 2000
Graham Johnson initiiert mit international renommierten
Gesangssolisten eine Gesamteinspielung von Schuberts Liederoeuvre beim
Londoner CDLabel Hyperion und übernimmt bei allen 37 Folgen den
Klavierpart.
1988
Erstveröffentlichung
des Graf von Gleichen als Faksimile von Schuberts handschriftlichem
Entwurf, eingeleitet von Ernst Hilmar. Peter Härtling: Der Wanderer.
1989
Luciano
Berio: Rendering. Aneignung und Bearbeitung der Symphonie-Fragmente
D 936A. (Ursprünglich im Auftrag der Schubertiade Hohenems)
1995
Des
Teufels Lustschloß: Uraufführung der Originalfassung im
Opernhaus Zürich unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt.
1996
Die
Ergänzung bzw. Neukomposition der letzten beiden Akte von Lazarus durch
Edison Denisov wird in Stuttgart unter Helmuth Rilling uraufgeführt.
Szenische Uraufführung des von Wolfgang Hocke vervollständigten
Fragments von Schuberts Oper Der Graf von Gleichen im Südthüringischen
Staatstheater Meiningen.
1997
Anläßlich
des 200. Geburtstags werden neben zahllosen Konzertzyklen und täglichen
Rundfunksendungen zu Schubert mehrere Großausstellungen in Wien, Japan
und – im Rahmen der Schubertiade – im Schloß Achberg und in Lindau
veranstaltet, in denen Quellen aus öffentlichem und privatem Besitz des
In- und Auslandes zusammengeführt werden. Anläßlich der Wiener
Festwochen werden Des Teufels Lustschloß (als Gastspiel der Zürcher
Oper) und – als Neuinszenierung – Alfonso und Estrella unter
Nikolaus Harnoncourt im Theater an der Wien dargeboten. Zahlreiche
internationale Zusammenkünfte von Wissenschaftlern zu Schubert-Themen
finden statt, und es erscheinen Handbücher, Lexika und Faksimiles
wichtiger Werke. Norbert Beilharz: Rosamunde (Fernsehfilm). Petr
Weigl: Die Winterreise (Fernsehfilm mit Brigitte Fassbaender).
2000
Konzertante
Wiederaufführung der Rosamunde von Helmina von Chézy und Franz
Schubert im Westdeutschen Rundfunk Köln in einer Fassung von Christoph
Schwandt (mit Gert Westphal).
2001
Elfriede
Jelinek bearbeitet und paraphrasiert Helmina von Chézys |